7.4.3. Meßplätze zur Objektivierung leistungsbestimmender Parameter
Zur objektiven Beurteilung der Kampftechniken ist es notwendig, daß
- dynamografische und kinematografische Untersuchungsverfahren (auch in kombinierter Form) zum Einsatz kommen,
- die Signalverläufe (Kraft und Geschwindigkeit) mit ausreichender Genauigkeit gemessen werden und
- eindeutige Kontrollparameter und Kriterien zur Beurteilung der kampfspezifischen (technikgebundenen) Kraftfähigkeiten vorhanden sind.
Die hier vorgestellten Test- und Trainingsgeräte werden in den Zweikampfsportarten schon seit einigen Jahren in der Sportforschung aber auch in der Trainingspraxis eingesetzt. Prinzipiell sind mit den Trainingsgeräten in Kopplung mit Meßeinrichtungen Trainingsübungen in großer Variationsbreite möglich. Es bleibt daher der Phantasie und dem individuellen Erfordernis vorbehalten, welche Kampftechniken biomechanisch analysiert werden sollen bzw. welche Übungen etwa im Trainingsbetrieb zur Entwicklung spezieller Muskelgruppen in ganz bestimmten Positionen zum Gerät durchgeführt werden.
Mit Hilfe der Meßeinrichtungen besteht die Möglichkeit, leistungsbestimmende und leistungsbeeinflussende Merkmale von Kampftechniken zu erkennen und die Parameter zur Qualität der Technikausführung anzugeben.
Die Meßsysteme bestehen aus folgenden Systemkomponenten:
- Sportartspezifisches Test- und Trainingsgerät,
- Automatisierte Erfassung von Signalverläufen,
- Rechentechnische Verarbeitung der Signalverläufe (Ermittlung von Einzelparameterwerten: Fmax, vmax, sowie die dazugehörigen Zeitwerte, u.a.),
- Synchrone Auswertung von Meßwertverläufen und Videoinformationen.
- Informationszusammenführung, -verdichtung und -darstellung von Soll-Ist-Vergleichen.
Judo
Armkraftzugmeßsystem: Abb. 11
Folgende Techniken sind am Meßplatz ausführbar:
- Seoi-Nage (Schulterwurf)
- Seoi-Otoshi (Schulter-Handwurf)
- Tai-Otoshi (Handwurf)
- Hiza-Guruma (Handwurf über ein sperrendes Bein)
- Harai-Goshi (Hüft-Fuß-Wurf)
Wurfplattform: Abb. 12
Folgende Techniken sind ausführbar:
- Ura-Nage (Wurf über die Brust)
- Uki-Goshi (Hüftwurf)
Ringen
Wurfplattform: Abb. 12
Folgende Techniken sind ausführbar:
- Wurf über die Brust
- Hüftwurf
Runterreißer-Station/ Armkraftzugmeßgerät: Abb. 13
Folgende Techniken sind ausführbar:
- Schulterwurf
- Kopfhüftwurf
- Runterreißer
- Schleuder
Dieser Meßplatz ist z.T. auch für ähnliche Techniken im Judo einsetzbar.
Boxen
Komplexer Boxmeßplatz: Abb.14
Folgende Techniken sind meßbar:
- Gerader Stoß
- Aufwärtshaken
- Seitwärtshaken
7.4.4. Zur Charakteristik leistungsbestimmender Parameter
Der trainingsmethodische Nutzen erwächst vor allem aus der Tatsache, daß bei der Analyse der technischen Bewegungsabläufe objektive Interpretationskriterien zur Beurteilung des Leistungsfaktors Technik aus biomechanischer Sicht herangezogen werden können.
Dabei kommen Aussagen über die Fähigkeitskomplexe Kraft (Explosivität), Schnelligkeit und Koordination im Zusammenhang mit der erfaßten Gesamtstruktur der an den Meßsystemen ausführbaren Techniken zustande.
Daraus ergibt sich die Möglichkeit
- Die Qualität und Wirksamkeit der individuellen Technikübungen exakter zu charakterisieren,
- Fehler im technischen Bewegungsablauf aufzudecken,
- Schwächen der kampfspezifischen Kraftfähigkeiten nachzuweisen und
- Korrekturmaßnahmen zur Verbesserung der technischen und konditionellen Leistungsvoraussetzungen zu entwickeln und einzuleiten.
Kraft- und Geschwindigkeitsverläufe im Judo
Die Abb. 15 zeigt die charakteristische Paramatergrafik einer Technikübung zum Wurf Seoi-Nage (Schulterwurf) am AKZ-Meßplatz (vgl. Abb. 11).
In der Auftaktphase (A1-A2) erfolgt in der Regel noch keine sichtbare Kraftübertragung. Der Werfende benutzt die Auftaktbewegungen, um seinen Körper, insbesondere den kräftigsten Körperteilen (z.B. Schultergürtel und Rumpf) eine Anfangsgeschwindigkeit zu erteilen und somit den eigenen Körper mit Bewegungsenergie zu "laden".
Die tatsächliche Kraftübertragung beginnt etwa nach 0.3 bis 0.4 Sekunden. Die Unterteilung des wurftechnischen Bewegungsablaufes erfolgt in drei Anrißphasen.
Die Dauer der ersten Anrißphase (Beginn der Kraftübertragung bis Fmax) ist sehr kurz (Zeit bis Fmax von Spitzenathleten beträgt etwa 100 bis 150 ms ) und wird durch sehr steile Kraftanstiege charakterisiert.
Der Bewegungsabschnitt B C stellt die zweite Anrißphase dar. Zum Zeitpunkt C (Markierung auf der Zeitachse) wird das erste Maximum der Bewegungsleistung des Anrisses erzielt. Sie wird in der Regel durch die Körperposition im Bild C markiert.
Im Bewegungsabschnitt D E, unmittelbar nach Einnahme der Körperposition D in der dritten Anrißphase, erfolgt ein sichtbares Umgruppieren des Krafteinsatzes. Die Kraftübertragung wird nun im wesentlichen durch den rechten Armzug bestimmt.
Kraft- und Geschwindigkeitsverläufe im Ringen
In der Abb. 16 ist die Verlaufscharakteristik der Anrißkraft, der Anrißgeschwindigkeit und des Anrißweges zur Technikübung Runterreißer dargestellt. Die Signale wurden am ringerspezifischen Meßplatz "Runterreißerstation" ermittelt.
Der Kraftverlauf läßt sich wie folgt beschreiben:
- steiler Anstieg bis zum Erreichen des Maximalwertes
- flacher Abfall bis zum Nullwert
- alternierender Verlauf nach Fmax (geringe Rhythmusstörung im Bewegungsablauf der 2. und 3. Anrißphase).
Kraft- und Geschwindigkeitsverläufe im Boxen
Abb. 17 veranschaulicht die Gegenüberstellung der am komplexen Boxmeßplatz wirkenden Stoßkräfte eines geraden Schlages und Aufwärtshakens in vertikaler und horizontaler Richtung.
Die Fz-Komponente beim geraden Schlag lenkt dabei sehr gering aus. Bei der Ausführung eines Aufwärtshakens ist die Stoßkraft in der Vertikalrichtung Fz größer ausgelenkt.
Die Stoßdauer (auch Kontaktzeit genannt) ist sehr kurz. Sie liegt etwa im Bereich von 10 ms bis 25 ms.
Charakteristisch für den Kraftverlauf ist der sehr steile Anstieg und der sehr steile Abfall.
Abb. 18 zeigt die Geschwindigkeitsverläufe des Körperschwerpunktes (vKSP) und der Faust (vFaus) sowie die Stoßkraft der Faust (FStoß) als resultierende Größe eines geraden Schlages.
Kraftverläufe im Karate und Taekwondo
Die Kraftsignale eines Faustschlages und einer Tritttechnik wurden am Boxmeßplatz ermittelt. Das charakteristische der Impulsübertragung ist ein steiler Kraftanstieg in sehr kurzer Zeit, wie es auf der Abb. 19 und 20 zu sehen ist.
7.4.5 Literatur
(siehe auch neue Literaturhinweise im IAT-Literaturservice)
Nowoisky, H.: Zur biomechanischen Analyse von Wurftechniken im Judosport. In: Theorie und Praxis des Leistungssport. Berlin 26 (1988), Beiheft
Nieke, H.: Allgemeine Grundlagen der Wurftechniken im Judo. In: Theorie der Körperkultur. Berlin 9 (1960) Heft 2
Meyer, K.-H.: Anwendungsmöglichkeiten und -grenzen eines Armkraftzuggerätes für die Objektivierung spezifischer Kraftfähigkeiten. In: Theorie und Praxis des Leistungssports. Berlin 17 (1979) Beiheft 7
Nowoisky, H.: Meßplatzgestütztes Techniktraining im Judo. In: JUDO-Magazin des DJB Mainz. 1991, Heft 1
Nowoisky, H.: Biomechanische Grundlagen des Kuzushi (Gleichgewichtsbrechung)-In: JUDO-Magazin des DJB Mainz.- Teil 1 in Heft 10; Teil 2 in Heft 11; Teil 3 in Heft 12. 1991
Nowoisky, H.; Heinisch, H.-D.: Spezielles Kraft- und Techniktraining im Judo. 1991. Ein Handmaterial für Trainer und Aktive. Leipzig, IAT, IDS. 1991
Gain, W.; Hartmann, J.; Tünnemann, H.: Ringen. Ein Lehrbuch für Trainer Übungsleiter und Aktive. Berlin, Sportverlag, 1980
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