Die Auswirkungen der Emotionen auf das Handeln sehen so aus, daß zu bestimmten Sachverhalten Beziehungen entweder der Zuneigung oder der Abneigung entstehen. Dann kann man fast nie aus seiner Haut: man sucht das Angenehme und vermeidet so lange wie möglich das Unangenehme. So kommt es, daß Turner viel öfter und intensiver (und natürlich auch erfolgreicher) an ihrem „Lieblings-“ als an ihrem „Angstgerät“ üben. Auf Anlagen, die den Ruf einer „langsamen Bahn“ haben, werden tatsächlich fast niemals persönliche Bestleistungen aufgestellt.

Kurzum: Die Emotionen des Sportlers bestimmen sehr wesentlich mit, worauf sich seine Tätigkeit richtet und mit welchem inneren Engagement diese ausgeführt wird. Denken wir an praktische Probleme wie oft unbeliebtes „Trockentraining“ oder sich wochenlang wiederholende Technikübungen, an die häufig ungerechtfertigten Über- oder Unterschätzungen von Gegnern oder an das nicht selten verständnislose und deshalb wenig engagierte Absolvieren von Trainingsaufgaben, so wird klar, daß gerade emotionale Probleme im Sport künftig noch bedeutend besser beherrscht werden müssen als dies gegenwärtig der Fall ist.

Emotionen werden nicht nur psychisch erlebt, sondern stimulieren oder hemmen zugleich auch physische Vorgänge. Das ist aufgrund der psychophysischen Einheit des Organismus verständlich und zu erwarten. Da sich im Sport die Emotionen und - in Verbindung damit - die psychophysische Verfassung eines Athleten sehr schnell verändern können, wird vom aktuellen Zustand gesprochen. Am bekanntesten ist in dieser Hinsicht wohl der Vorstartzustand.

Der aktuelle Zustand wird nicht selten zum Stolperstein auf dem Weg zu sportlichen Erfolgen. Gestern noch auf der heimischen Anlage Trainingsweltmeister, heute im entscheidenden Wettkampf vor großer Kulisse „unter ferner liefen“ - unbegreifliches Versagen...

Das „Unbegreifliche“ ist begreiflich, ja sogar kontrollierbar zu machen, so daß der Sportler „topfit auf die Minute“ an den Start gehen kann - wenn man an diesen Problemen auch konsequent arbeitet. Was wäre dabei zu beachten?

- Aufbau einer „gesunden“ Einstellung zur Erregung. Spürbare Erregung ist notwendige Voraussetzung für jede Leistung - nur Übererregung ist schädlich.

- Analyse derjenigen Bedingungen, die sehr intensive Emotionen und Übererregungen hervorrufen.

- Ausschaltung dieser Bedingungen durch organisatorische und erzieherische Maßnahmen, soweit möglich und sinnvoll (z.B. rechtzeitige Anreise zum Wettkampf, Abbau von Vorwürfen während des Wettkampfes).

- Häufige Auseinandersetzung mit negativ erlebten Wettkampfbedingungen (Laufen auf der Außenbahn, Training bei nasser Absprungstelle). Diese Maßnahme führt zur Gewöhnung und Erhöhung der psychischen Belastungsverträglichkeit.

- Bewußtes Verringern der subjektiven Bedeutsamkeit der Aufgabenbewältigung und Kontrolle der Angemessenheit der Zielstellung (Erleichterung des „psychologischen Rucksackes“, verringerter Erwartungsdruck).

- Erhöhung der subjektiven Realisierbarkeit der Aufgabenbewältigung, z.B. durch eine eingeübte, sicher beherrschte und effektive „Eröffnungsstrategie“, die innere Ruhe und Selbstvertrauen gibt.

- Aufbau konditioneller und technischer Reserven, die den Sportler weniger störanfällig machen.

- Zweckmäßige Lenkung der Aufmerksamkeit im Wettkampf (z.B. weg von gegnerorientiertem Handeln und hin zur Eigeninitiative).

- Anwendung von Techniken der Selbstbeeinflussung des aktuellen Zustands (beruhigendes Atmen, Entspannungstechniken und Selbstinstruktionen zur Psychoregulation).

- Kontrolle des sozialen Umfelds (Teamgeist, Trainerverhalten, Coaching, Sekundieren u. a.).

- Entwicklung und Nutzung von Verhaltensplänen, die einen Komplex von Anweisungen für optimales Handeln und Verhalten vor und während des Wettkampfes enthalten.

Bei notwendiger Erhöhung der Erregung und entgegengesetzter Auslenkung des aktuellen Zustands werden viele der genannten Maßnahmen in entsprechend abgewandelter Form angewendet.

Oft treten noch weitere psychische Zustände mit leistungsbeeinträchtigender Wirkung auf. Dies sind psychische Ermüdung, Monotonie, Sättigung und Streß. Sie werden mitunter bewußt hervorgerufen, um Handeln und Verhalten des Sportlers gegenüber den allgegenwärtigen Ermüdungseinflüssen zu stabilisieren. In den anderen Fällen handelt es sich jedoch in aller Regel um ein ungewolltes Auftreten infolge unangemessener Trainingsgestaltung. Sportler und Trainer müssen diese Gefahren und die eventuell erforderlichen Prophylaxe- und Erholungsmaßnahmen kennen und anwenden können.

6.1.4. Motivation - der Stachel im Fleisch

Der Bereich der Motivation umfaßt psychische Komponenten, die zum Teil schon unter „Emotionen“ erwähnt wurden. Dies verweist auf die enge Verbindung beider Bereiche, denn emotionale Ablehnung gegenüber bestimmten Aufgaben und Forderungen wird niemals inneres Engagement bzw. echte Motiviertheit, sondern bestenfalls ein „dem Druck nachgeben“ erzeugen.

Die für das Verstehen des motivationalen Geschehens wesentlichen psychischen Komponenten sind: Bedürfnisse, Werte, Einstellungen, Ziele und Motive. Zwischen ihnen bestehen recht enge Zusammenhänge und Übergänge, die sich unbewußt oder von außen beeinflußt vollziehen können, wodurch das Gesamtsystem der Motivation „schlagkräftiger“ wird.

Sportler verfolgen mit ihrer Tätigkeit (langfristig) und mit ihren einzelnen Handlungen (kurzfristig) immer bestimmte Absichten, die zusammenfassend als „Motive“ oder subjektive Beweggründe bezeichnet werden. Sie sind verantwortlich für die Ausrichtung ihrer Tätigkeit und für den Antrieb, bestimmte Handlungen auszuführen und andere nicht (sportgerechte Lebensweise!). Das bedeutet, daß sie auch für die Prioritätensetzung von entscheidender Bedeutung sind.

Für die sportliche Betätigung sind Ausrichtung und Antrieb wesentlich, denn Erfolge im Sport setzen sowohl eine langfristige Ausrichtung auf und feste Bindung an eine Sportart oder sportliche Leistung als auch eine erhebliche Antriebsstärke in einem konkreten Wettkampf oder bei der Absolvierung einer Trainingsübung voraus. Fragen nach den Motiven von Sportlern sind immer Fragen nach dem „Warum“ und „Wofür“ ihres Handelns.

Im Sport kommt es vor allem darauf an

- die verschiedenartigen Motive eines Sportlers (sein „Motivbündel“), ihren Umfang, ihre Rangfolge und Verknüpfungen sowie ihre Wirksamkeitsunterschiede möglichst genau zu kennen und auftretende Veränderungen rechtzeitig zu registrieren;

- die vorhandenen Motive bei Training und Wettkampf durch geeignete Fremd-Motivierungsmaßnahmen richtig anzusprechen, um damit einen wirkungsvollen Antriebszustand (Motiviertheit) zu erzeugen;

- den Sportler zunehmend zur Selbst-Motivierung zu befähigen, ihn also weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen (Zuspruch und Anfeuerung des Trainers, Vorhandensein eines großen Publikums, besonders auffordernden Trainingsgeräten oder Wettkampfanlagen) zu machen;

- die Palette der vorhandenen Motive zu erweitern (weil z.B. manche mit der Zeit verschwinden), ihre Wirkungsdauer und Wirkungsstärke zu sichern oder zu erhöhen.

Im Training verdienen insbesondere die folgenden Aspekte Beachtung:

- Für zu lösende Aufgaben und gestellte Forderungen sollten Begründungen gegeben werden. Dies gilt zumindest für noch weniger erfahrene Sportler und bei neuen Aufgaben. Aus diesen Begründungen „macht“ der Sportler seine Motivation. Es ist jedoch sehr häufig so (auch außerhalb des Sports), daß Aufgaben nicht begründet, sondern einfach abverlangt werden. Ein langjährig aktiver Sportler stellte am Ende seiner Karriere einmal fest: „Ich wußte nie, warum ich so oft 10 x 100 m submaximal schwimmen sollte“.

- Diese Begründungen sollten einerseits sachlich richtig sein (der Sportler eignet sich ja dadurch trainingsmethodisches Wissen an), andererseits aber auch den notwendigen individuellen Zuschnitt haben, damit die beim Einzelnen vorhandenen Motive (in Form seiner Bedürfnisse, Interessen usw.) auch angesprochen werden. „Jemandem etwas schmackhaft machen“ sagt man im Alltag dazu, indem man Bezug auf sein Anerkennungs- , Leistungs- oder Erlebnisbedürfnis nimmt.

- Besonders bei Aufgaben mit sportartunspezifischem Charakter (Dehnungs- , Erwärmungs- oder Trockenübungen) sowie beim Üben von elementaren Teilhandlungen und bei methodisch notwendigen Verfremdungen sportlicher Handlungen (verkürzter Anlauf, Beachtung von Zusatzmarkierungen, Einbau von Hindernissen) ist Vorsicht oder besser motivationale Hilfestellung geboten. Sportler bezeichnen solche Aufgabenstellungen schnell als „sinnlos“ - und verhalten sich dementsprechend. Sie benötigen also in jedem Falle Kenntnisse über die Bedeutung und Wirkung der angewendeten Trainingsmittel, vor allem aber über ihren Beitrag zur Entwicklung der sportlichen Leistung. Wenn der Trainer ihnen diese Brücke baut, also Antwort auf das „Warum“ gibt, wird es keine Probleme geben. Diese spezifische Form der Motivation wird als sinnbildende Motivation bezeichnet. Sie läßt sich noch erheblich verstärken, wenn dem Sportler bewußt wird, daß er durch eine Anstrengung möglicherweise „mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen kann“ (Befriedigung mehrerer Bedürfnisse, Erreichung mehrerer Ziele).

- In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie wichtig es ist, daß Sportler über Folgen ihres Handelns nachdenken, sie erkennen, in positive und negative, nahe und ferne unterscheiden und sowohl ihre subjektive Bedeutsamkeit als auch ihre subjektive Realisierbarkeit einschätzen können. Auf dieses Trio von Bedingungen läßt sich der jeweilige Zustand der Motiviertheit eines Sportlers zurückführen. Wenn ein Sportler keine erstrebenswerten (subjektiv bedeutsamen) Folgen seiner Bemühungen mehr sieht, weil er „schon alles erreicht hat“, wird er sich vom (Leistungs-) Sport verabschieden. Anderenfalls ist er bereit, sich zu mühen. Mit der Motivation steht und fällt also auch der Willen, der in die sportliche Tätigkeit eingebracht wird und den Sportler befähigt, auch gegen erhebliche Schwierigkeiten und Hindernisse (Verletzungen, Ermüdung, Rückstände) anzukämpfen.

- Werte haben im sportlichen Training eine mindestens zweifache Bedeutung. Es sind praktisch im Gedächtnis gespeicherte, relativ stabile Bedeutsamkeiten bestimmter Objekte oder Verhaltensweisen. Sie wirken aufgrund dessen als sehr konsequente Verhaltens-Dirigenten, als Leitsysteme für Verhalten und Handeln. Werte existieren auf sehr unterschiedlichen Niveaus. Hinter fairem und kameradschaftlichem Verhalten verbergen sich akzeptierte und subjektiv bedeutsame Werte. Diese verfestigten Haltungen oder Einstellungen sind die Grundlage für individuell stabiles, wertorientiertes Handeln - für die sogenannten Charaktereigenschaften. Aber auch hinter anderen Verhaltensweisen, z.B. im Turnen die Fußspitzen zu strecken oder im Fußball offensiver zu spielen, stehen individuelle Wertauffassungen. Aufgabe des Trainings ist es, daß die benötigten Werte vermittelt und angeeignet werden - eine besonders schwierige und meist langwierige Angelegenheit.

Im Wettkampf sind, was vielleicht verwundern wird, die Motivationsprobleme vergleichsweise gering. Wer Wettkampfsport betreibt, will seine Leistung messen und ist in dieser Hinsicht motiviert.

Das am häufigsten zu bewältigende Problem besteht darin, die gefährliche „Übermotivation“, die oft zu Unbedachtsamkeiten, geistiger Engstirnigkeit und körperlicher Verkrampfung führt, zu reduzieren (vgl. Regulation des aktuellen Zustandes). Wichtig ist in diesem Zusammenhang beispielsweise, den Sportler vor dem Wettkampf nicht noch einmal besonders „heiß“ zu machen - er weiß auch so, worum es geht. Bedeutsam ist auch weiterhin eine intensive Konzentration auf das angestrebte eigene Verhalten, keinesfalls eine auf die möglichen Handlungsfolgen oder auf das mitunter provozierende Verhalten der Gegner.

Sehr wichtig ist das richtige Festlegen von Zielen für den Wettkampf. Die von wenigen Sportlern vertretene Auffassung: „Gar keine Ziele festlegen, da setzte ich mich nur unter Druck“, kann nicht geteilt werden. Es geht nichts über eine durchdachte, angemessene Zielvereinbarung. Wenn dagegen trotzdem Bedenken bestehen, ist vielleicht das Festlegen eines Ziel-Spielraumes, statt eines punktuellen Zieles, angeraten.

Manche Sportler scheitern daran, daß sie sich bei mehrphasigen Wettkämpfen (z.B. Vor- , Zwischen- und Endkampf) für den oder die ersten Starts keine Ziele setzen - und dann oft frühzeitig aus dem Rennen sind. Deshalb sollten in jedem Falle Teilziele für jede Etappe festgelegt werden. Manche Sportler bilden noch detailliertere Teilziele, die sich auf einzelne Abschnitte ihrer Wettkampfübung beziehen.

Vor dem Wettkampf festgelegte Ziele graben sich offenbar sehr tief ins Bewußtsein ein und haben eine Tendenz zur Starrheit. Man sieht es oft: Die mannschaftliche Zielstellung heißt z.B. „Wenigstens einen Satz gegen diesen Kontrahenten gewinnen!“. Gleich der erste Satz wird leicht gewonnen (der Gewinn des ganzen Spiels erscheint heute real!) - aber nach Erreichen des fixierten Ziels „ist die Luft raus“. Zielfestlegungen sollten deshalb nicht zu starren, unflexiblen Vorwegnahmen verkommen, sondern zu solchen, die auch „nach oben offen“ und damit flexibel sind. Also: Bei frühzeitiger Zielerreichung neue Ziele bilden! Anderenfalls geht der Antrieb verloren, ein hart erkämpfter Vorsprung wird schmelzen... eingeholt - überholt - resigniert.

Auch im Wettkampf muß der Athlet in der Lage sein, Motivkonflikte auszutragen und sich dabei auf die richtige Seite zu schlagen. Was heißt das? Jemand wird als „Wasserträger“ ins Rennen geschickt, plötzlich aber tut sich für ihn die Chance auf, auf eigene Faust davonzufahren, alle stehenzulassen, vielleicht selbst zu gewinnen... Was sollte er tun? Jedenfalls wird er sich hin- und hergerissen fühlen zwischen Pflichtbewußtsein (Motiv 1) und Erfolgsstreben (Motiv 2). Bei der notwendigen Entscheidung sollte der erfahrene Sportler alles bedenken - auch das wird von ihm erwartet.

An dieser Stelle soll die Exkursion durch die Psychologie von Sportlern zunächst ihr Ende finden. Vielleicht haben Sie, liebe Leser, dies und jenes Neue entdeckt oder einfach Altbekanntes mit anderen Augen gesehen. Vielleicht reizt es Sie auch, bald noch mehr zu erfahren. Aber jedem geben wir auf seinen weiteren Weg Goethes Wort mit:

Es ist nicht genug zu wissen,

man muß es auch anwenden;

es ist nicht genug zu wollen,

man muß es auch tun.

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