6.1.2. Erkenntnis und Koordination - Maßstäbe für jeden Sportler
Psychische Prozesse, vor allem das Wahrnehmen, Denken, Vorstellen und Einprägen, realisieren die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen über die Sachverhalte im Umfeld des Sportlers und im Inneren seines Organismus sowie über Verlauf und Ergebnis seiner Tätigkeit.
Lernen und Leisten setzen immer eine möglichst wirklichkeitsnahe Erkenntnis der Realität voraus. Was sind die wirklichen Knotenpunkte bei dieser Übung?; Was ist die bevorzugte Schlagvariante des Gegners?; Ist das Lauftempo für meine Leistungsfähigkeit zu schnell?
Eine fehlerhafte Erkenntnis dieser wichtigen Sachverhalte kann sich schnell potenzieren. Denn auf Grundlage der aufgenommenen Informationen und ihrer Verarbeitung werden - im Sport oft unter erheblichem Zeitdruck - sofort Ziele, Programme und Entscheidungen für das eigene Handeln sowie motorische Lösungen (Bewegungsvarianten) konzipiert. Erkenntnisdefizite sind fast nie zu kompensieren.
Am Beispiel des Techniktrainings, das der Verbesserung der Koordination von Bewegungen bzw. der Harmonie von Information und Energie dient, werden das Ineinandergreifen der verschiedenen Erkenntnisprozesse und ihre wechselseitige Abhängigkeit sehr deutlich. Um Bewegungen (Bewegungshandlungen), wie z. B. bei einem Korbwurf im Basketball, ausführen zu können, sind richtige Erkenntnis und perfekte Koordination eine Notwendigkeit.
Im einzelnen bedarf es zunächst der Herausbildung einer Bewegungsvorstellung, die die erforderlichen Hintergrundinformationen in Form theoretischen (anatomischen, biomechanischen, technisch-taktischen) Wissens über die Bewegungshandlung und praktische Erfahrungen mit verwandten Bewegungen enthält.
Das Bewegungsprogramm enthält dagegen nur einen ausgewählten und reduzierten Informationsbestand, den man sich als geordnete Folge von Muskelbefehlen für eine konkret auszuführende Bewegung vorstellen kann (welchen Muskel... wann... wie lange... mit welcher Kraft usw. einsetzen)!
Bewegungswahrnehmungen ermöglichen dann das Erfassen des Verlaufes der Bewegungsausführung (Streckt sich der ganze Körper? Kommt der Wurfarm locker? Drücken Hand und Fingerspitzen?).
Als Bewegungsbild wird die im Gedächtnis gespeicherte Bezugsgröße (Handlungskonzeptor) bezeichnet, die als Soll-Wert fungiert und mit der die gemachten Wahrnehmungen als Widerspiegelung des Ist-Wertes verglichen werden. Dies ist Voraussetzung für Stabilisierung oder Korrektur der Bewegungen bei der nächsten Übungswiederholung.
Diese Aufhellung einiger psychischer Komponenten der Bewegungskoordination verweist darauf, daß schlechte Technik verschiedene Ursachen haben kann:
- Ein Sportler sieht z.B. den Hürdenlauf als Springen über die Hürden mit langer, passiver Flugphase an (fehlerhafte Bewegungsvorstellung).
- Ein Sportler zeigt abrupt-ruckartigen Krafteinsatz und räumlich überdimensionierte Bewegungen (Bewegungsprogramm noch ohne Feinschliff).
- Ein Sportler spürt sein Nachziehbein nicht oder kann das Aus-den-Schultern-Gehen beim Handstand nicht erfühlen (Bewegungswahrnehmung bei Details noch ungenügend).
- Ein Sportler weiß nicht, wie sich eine (richtig ausgeführte) Bewegung anfühlt: Welches Gefühl hat man bei einem verzögertem Sprungwurf? (Bewegungsbild unklar).
Zur Bewältigung all dieser Probleme, die im Training ständig auf der Tagesordnung stehen, trägt unter anderem auch die Sportpsychologie bei.
Durch eine psychologische Analyse der Bewegungshandlung können die psychischen Anforderungen, die Knotenpunkte und der Ablauf der Handlung unter psychischem Aspekt aufgehellt werden. Damit werden wesentliche Voraussetzungen für einen effektiven und individualisierbaren Lernprozeß geschaffen.
Sportpsychologische Erkenntnisse beeinflussen Inhalt und Methodik der Demonstration und Visualisierung der zu erlernenden Handlung. Video- und Computervisualisierung spielen gegenwärtig eine zunehmende Rolle. Wichtig sind aber trotz aller technischer Raffinesse immer noch die alten Fragen: Was ist, wie häufig, wie lange, in welcher Abfolge und in welchem Kontext, wann, für wen... zu visualisieren?
Besonderer Wert ist stets auf aktive Kenntnisaneignung zu legen. Die Sportpsychologie entwickelte oder übernahm dafür aus anderen Bereichen probate Mittel:
- Die sprachliche Auseinandersetzung mit der Handlung (Verbalisierung),
- das gezielte und planmäßige Beobachten von Handlungsabläufen (observatives Training),
- die forcierte Kommunikation über die Bewegungserfahrungen verschiedener Sportler (Bewegungserfahrungsaustausch).
Die Sportpsychologie legt beim Bewegungslernen eine Orientierung auf die individuellen Vorzugsinformationen der Lernenden nahe.
Die im Lernprozeß notwendige Transformation der Bewegungsvorstellung von der Außensicht auf die Innensicht der Bewegung wird mit psychologischen Mitteln unterstützt.
Die beim Bewegungslernen anfallenden Informationen (vor allem Rückinformationen über die Handlungsausführung) werden unter psychologischen Gesichtspunkten so aufbereitet, daß eine leistungsfördernde Verarbeitung durch den Sportler möglich wird.
Weitere Aufgaben bestehen in der Suche nach und der Formulierung von möglichst wirksamen Muskelbefehlen (Bewegungsinstruktionen) oder in der Verbesserung der Bewegungswahrnehmung.
Wenn neben dem Techniktraining auch das Taktiktraining Inhalt der sportlichen Ausbildung sein muß, erweitern sich die Anforderungen an den Sportler. Zugleich nimmt damit auch der Umfang der Einbeziehung psychologischer Erkenntnisse in den Trainingsprozeß zu. In taktischen Sportarten (vor allem Sportspiele und Kampfsportarten) besteht das grundsätzliche Ausbildungsziel darin, daß Bewegungshandlungen in ständig variierenden taktischen Situationen, also bei wechselnden Konstellationen von Mitspielern und Gegnern auf dem Spielfeld oder der Kampffläche, situationsgerecht ausgefürt werden können. Nicht die Koordinationsqualitäten der Bewegungshandlung an sich, sondern ihre Situationsangemessenheit und ihre Effizienz gegenüber einem Gegner stehen hier im Mittelpunkt. Taktische Handlungen widerspiegeln in besonderem Maße die Erkenntnisqualitäten, über die ein Sportler verfügt.
Und wenn er ausreichende Einsicht, Umsicht und Voraussicht vermissen läßt? Dann sollten die psychischen Grundlagen seiner Handlungsfähigkeit im taktischen Bereich trainiert und ausgebildet werden. Aufmerksamkeit, Wahrnehmen, Denken, Vorstellungen und Gedächtnis sind die Voraussetzungen für die großen Tugenden eines jeden Taktikers: schnelle und genaue Situationswahrnehmung, sachlich richtiges taktisches Denken, optimales Entscheidungs- und Kooperationsverhalten sowie gegnerorientiertes Wettkampfverhalten.
In das Taktiktraining sollten folgende psychologische Überlegungen und Empfehlungen einfließen:
- Das undurchsichtige, komplexe Spiel- oder Kampfgeschehen ist in grundlegende und abgrenzbare Situationsklassen zu untergliedern (leichteres Orientieren, systematischeres Einprägen).
- Wesentliche Situationsmerkmale und ihre Zusammenhänge sind zu analysieren und für den Lernenden hervorzuheben (Markierung des Erkenntnisinhalts).
- Gleiches gilt für den optimalen zeitlichen Verlauf des Erkennens dieser Merkmale und Zusammenhänge (Markierung des Erkenntnisverlaufs - beides zusammen ist die Basis für Richtig- und Schnelligkeit des taktischen Denkens und Handelns).
Auf der Grundlage dieser notwendigen Vorarbeiten kann der Sportler befähigt werden,
- die vielfältigen, sich oft ähnelnden und meist mehrdeutigen Situationen zu klassifizieren, zu unterscheiden und recht sicher und schnell nach dem Prinzip Wenn die Merkmale und Zusammenhänge so sind, dann... zu interpretieren;
- Situationsentwicklungen vorauszusehen (Antizipation);
- Entscheidungen sachlich richtig, schnell und flexibel zu fällen.
Der sozialen Erkenntnis, also der Erkenntnis der Bedürfnisse, Ziele, Pläne und typischen Verhaltensweisen der Mannschaftskameraden und der sportlichen Gegner (mitunter auch der Schieds- und Kampfrichter) ist besonderes Augenmerk zu schenken. Diese Kenntnisse sind Voraussetzung für effektives Kooperationsverhalten (blindes Verstehen) und ein im wirklichen Sinne gegnerorientiertes Wettkampfverhalten (z. B. Gegner mit den eigenen Waffen schlagen).
Aufgrund seiner Wirksamkeit und mannigfachen Einsetzbarkeit hat das mentale Training breite Anwendung im Sport gefunden. Darunter ist ein intensives, wiederholtes Vorstellen und Durchdenken sportlicher Aktivitäten in Bildern und Worten - verbunden mit einem möglichst allseitigen und tiefen Hineinfühlen - zu verstehen.Folgende Varianten sind gebräuchlich:
- mentales Üben einer Bewegungshandlung (z. B. einer turnerischen Übung),
- mentales Üben ausgewählter taktischer Handlungen (z. B. Freistoßvarianten),
- mentales Durchgehen von Handlungen vor dem Start (z. B. Hochsprung, alpiner Skilauf) zum Zwecke der geistigen Erwärmung, physischen Einstimmung und Erhöhung des Sicherheitsgefühles,
- mentales Vorprogrammieren einer entscheidenden Handlung (z. B. Zwischenspurt) und anschauliches Vorstellen eines geeigneten Symboles (z. B. einer zusammengepreßten und sich dann explosiv spannenden Feder) während des Wettkampfes zum Zwecke der situationsgerechten und technisch optimalen Handlungsausführung und der notwendigen Kraftmobilisierung,
- mentales Wiederholen einer perfekten - oder nicht perfekten - Handlung nach ihrer Ausführung zum Zwecke der Speicherung im Gedächtnis oder Korrektur auf frischen Gedächtnisspuren,
- mentaler Rückblick auf die gesamte Wettkampfsituation (Vorstarterregung, Erwärmung, Einfluß der Gegner, emotionale Höhe- und Tiefpunkte usw.) zum Zwecke der vertieften geistigen Durchdringung des Gesamtgeschehens und der Anreicherung von Erfahrungen.
Es sollte schon deutlich geworden sein, daß die Planung und Gestaltung der Trainingstätigkeit, das heißt der vom Sportler zu lösenden Aufgaben, die dafür ausgewählten Methoden. die zur verfügung gestellten Anleitungen und Hilfen, die begleitenden Kontrollen und Korrekturen, die entscheidende Voraussetzungfür die Entwicklung und Vervollkommnung der psychischen Leistungsvoraussetzungen ist. Daß damit zugleich (mittelbar) eine langfristige psychologische Wettkampfvorbereitung betrieben wird, liegt auf der Hand.
6.1.3. Emotion - Störenfried und Leistungselixier
Kein Mensch kann als ein nach rein sachlich-logischen Gesichtspunkten funktionierendes oder vielleicht zu programmierendes Objekt angesehen werden. Er ist vielmehr - und Sportler bilden da keine Ausnahme - ein aktives Subjekt, das sich auf der Grundlage seiner im bisherigen Leben ausgebildeten Bedürfnisse, Werte, Normen und Ziele mit den Aufgaben und Anforderungen in Training und Wettkampf auseinandersetzt. Diese persönlichkeitszentralen Bedürfnisse, Werte, Normen und Zielerichten die gesamte sportliche Tätigkeit eines Menschen aus. Sie steuern seine Aufmerksamkeit, sein Wahrnehmen, Denken usw. und bestimmen oft die Hinwendung zu oder die Ablehnung einer speziellen Sportart (mit deutlicher Abhängigkeit von Alter, Geschlecht und Bezugsgruppen), einer Trainingsmethode oder auch einer zugewiesenen Rolle im Team. Hinter solchen Erscheinungen steckt, daß die hier hervorgehobenen psychischen Komponenten als private Bewertungsmaßstäbe für aufgenommene und verarbeitete Informationen fungieren. Wo bewertet wird, da gibt es Freude und Ärger, Lachen und Weinen. In einem Schicksalswettkampf schon zwei ungültige Sprünge, glücklich den Endkampf erreicht und nun ausgerechnet gegen den langjährigen Angstgegner, im Training wird ein Test mit Ausbelastung angekündigt... - diesen Informationen folgen fast immer negative Emotionen der Unruhe, Angst, Niedergeschlagenheit oder Verzweiflung.
Natürlich gibt es auch Anlässe für positive Emotionen wie Freude, Zuversicht, Zufriedenheit oder Stolz: eine unerwartet gute Plazierung, erstmalig eine Übung ohne Hilfestellung absolviert, ein anerkennendes Wort von einem geachteten Kameraden oder vom Trainer.
Für das emotionale Geschehen im Sport ist unter anderem folgendes charakteristisch:
- Training und Wettkampf haben Emotionen als ständige Wegbegleiter.
- Emotionen entstehen und wirken oft schon längere Zeit vor Beginn der Lösung von Trainings- und Wettkampfaufgaben. Genauso existieren sie auch noch, wenn die Aufgabe eigentlich beendet ist.
- Emotionen können relativ kurzlebig, aber auch sehr dauerhaft sein.
- Emotionen haben im Sport oft eine besonders hohe Intensität und Dynamik (Veränderlichkeit, Wechsel).
- Emotionen entstehen nicht nur infolge von Fremdbewertungen (durch Trainer, Kameraden, Öffentlichkeit), sondern in erheblichem Maß durch Selbstbewertungen, die dem Außenstehenden oft nicht bekannt und nicht zugänglich sind. (Fremdbewertungen rufen allerdings erst Emotionen hervor, wenn diese Urteile auf die Ebene der Selbstbewertung übernommen werden).
- Viele Emotionen (vor allem solche mit geringer Intensität) bleiben unter- und unbewußt.
- Positive Emotionen wirken nicht immer förderlich; negative Emotionen sind nicht immer hinderlich oder zerstörerisch (überwältigendes Erfolgserlebnis - Überheblichkeit, Leichtsinn; tiefgreifendes Mißerfolgserlebnis - verstärkte Konzentration und Anstrengung).
Emotionen ergeben sich also aus der mehr oder weniger bewußten, an individuellen Maßstäben festgemachten Bewertung von Informationen über zu lösende Aufgaben, bestimmte Trainings- und Wettkampfbedingungen oder Kontaktpersonen, eigene Leistungsvoraussetzungen etc. Das subjektive Urteil über ihre Zuträglichkeit - Unterstützung oder Hindernis auf dem Wege zur Befriedigung individueller Bedürfnisse oder Ziele - macht sich als positive oder negative Emotion bemerkbar. Aus diesem Grunde ist es psychisch durchaus real, daß - entsprechende positive Erfahrungen vorausgesetzt - von zehn Sportlern einer regnerisches Wetter am Wettkampftag freudig begrüßt, während die Mehrheit dadurch entnervt ist. Leistungselixiere und Störenfriede sind also gar nicht so leicht zu erkennen, denn sie werden meist erst durch den Menschen zu dem gemacht, was sie sind.
Die Intensität der Emotionen ist ein Indikator für den Grad der subjektiven Bedeutsamkeit objektiver Sachverhalte für das eigene Handeln in einem bestimmten Lebenszusammenhang. Gerade der Sportler muß in der Lage sein, auch die leisen Töne der Emotionen wahrzunehmen. Sie sind Signale dafür, daß möglicherweise etwas bei der Startvorbereitung nicht stimmt oder dafür, daß man bei diesem Gegner etwas mehr riskieren kann als gewöhnlich. Emotionen haben also durchaus etwas zu tun mit dem, was man im Sport Intuition, sechster Sinn oder automatisiertes Verhalten nennt.
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