6. Übergreifende Aspekte
6.1. Psychologie in Training und Wettkampf
Wer Sport treibt ist stets körperlich und geistig gefordert. Die Auswirkungen körperlicher Belastungen sind vom aktiven Sportler ohne weiteres und meist intensiv erlebbar. Trainer und Sportler wissen in aller Regel auch sehr gut, was und wie sie trainieren müssen, um Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer, Technik oder Taktik zu entwickeln. Die Ergebnisse des Trainings werden mit wachem Auge verfolgt, sogar Tests zur kontinuierlichen Überprüfung der Leistungsentwicklung herangezogen und die ermittelten Werte schließlich den eingegebenen Belastungskennziffern gegenübergestellt. Entsprechen das real erreichte Entwicklungsniveau oder die feststellbaren Fortschritte nicht den Erwartungen, wird Ursachenforschung betrieben und versucht, das Training auf ein wirkungsvolleres Vorgehen umzustellen. Bringt ein Sportler dann in einem Wettkampf eine Leistung, die im oberen Bereich seiner Leistungsfähigkeit liegt - oder sprengt er gar den Rahmen seiner Möglichkeiten - herrscht allseits Freude und Zufriedenheit. Bleibt er aber dagegen hinter seinen Erwartungen zurück, gibt es noch oft nur einen Kommentar: Das muß an den Nerven liegen....
Damit es möglichst wenige solcher Nerven-Pannen gibt,
damit sich jeder Sportler schon im Vorfeld eines Wettkampfes dagegen rüsten kann,
damit im langwierigen Training größerer Leistungsfortschritt erzielt werden kann,
damit aus dem Training auch all das herausgeholt wird, was es birgt,
damit mehr Begeisterung, mehr Freude, mehr Stolz und Zufriedenheit entsteht,
sind Einblicke in das Seelenleben der Sportler, Berücksichtigung und Nutzung ihrer geistigen (psychischen) Besonderheiten erforderlich.
Nicht wenige kapitulieren vor dieser interessanten Aufgabe, belassen es bei nichtssagenden Oberflächlichkeiten (Ja, ja, die Nerven!) oder umgehen einfach diese für den Hochleistungssportler existentielle Notwendigkeit. Dabei gibt es auf dem Gebiet der Psyche und der psychologischen Vorbereitung von Sportlern eine Menge von Parallelen zum vertrauten physischen Rüstzeug, deren Bewußtmachen den Einstieg in das Dunkel der Seele erleichtert.
Jede Sportart stellt an den Sportler objektiv nicht nur spezifische physische, sondern auch ganz bestimmte psychische Anforderungen.
Jeder Sportler verfügt subjektiv über für ihn charakteristische psychische Leistungsvoraussetzungen (Kenntnisse, Bedürfnisse, Ziele, Denkfähigkeiten, emotionale Ansprechbarkeit usw.), die er in sein Training und in jeden Wettkampf einbringt.
Wer sich physischen und psychischen Anforderungen stellt und sie bewältigt, wächst dabei, das heißt, er verbessert dadurch nicht nur seine physischen, sondern zugleich auch psychischen Leistungsvoraussetzungen. Dies wirkt sich insgesamt positiv auf seine Handlungsfähigkeit, auch im Wettkampf, aus.
Ebenso wie physische Leistungsvoraussetzungen nicht von heute auf morgen verbessert werden können, bedarf auch die Herausbildung oder Vervollkommnung psychischer Voraussetzungen eines längeren Übungs- und Trainingsprozesses. Auch für das Psycho-Training gibt es mehr oder weniger geeignete Trainingsinhalte, wirkungsvolle und ziemlich wirkungslose Trainingsmittel, unterstützende und störende Trainingsbedingungen.
Auch das Entwicklungsniveau und die Entwicklungsfortschritte einzelner psychischer Voraussetzungen (z. B. Fähigkeit zur Bewegungsvorstellung, Motivationsinhalt und -stärke, tiefsitzende Gründe für anhaltenden Mißerfolg, Lernfähigkeit) sind mit Hilfe von Diagnoseverfahren, vor allem gezielten Beobachtungen, Befragungen, Experimenten und Tests, aufzudecken. Sie liefern Entscheidungsgrundlagen für die Eignungsauswahl junger Sportler, für die Festlegung künftiger Trainingsziele, -inhalte und -methoden oder für die Formierung von Mannschaften für einen Wettkampf.
Weitere wichtige Voraussetzungen und Bedingungen, die Sportler und Trainer in ihrer erfolgsorientierten Arbeit beachten, gelten in gleichem Maße auch für das Psycho-Training: Planmäßigkeit und Systematik im langfristigen Trainingsprozeß, Schwerpunktsetzungen in einzelnen Trainingsetappen, individualisierte Belastungen und Anforderungen, Kontinuität statt Feuerwehraktionen, Sensibilität gegenüber auftretenden (psychischen) Problemen, ständiger Erfahrungsaustausch und Aneignung neuen Wissens, kreatives Suchen nach besseren Lösungen.
Psychologie, zusätzlich zum normalen Training geplant und verwirklicht oder als kurzfristige Sonderaktion und Kampagne vor einem Wettkampf angesetzt, verfehlt in aller Regel ihren Zweck. Psychologie gehört zum herkömmlichen Training dazu, denn der Sportler ist ja nicht immer nur mit seinen Muskeln oder seinem Stoffwechselsystem, sondern auch - oder in erster Linie (?!) - mit seinem Kopf dabei. Insofern ist seine Psyche in jede Trainingsstunde, in jede einzelene Übung zur Entwicklung der Kraft oder Ausdauer, der Technik oder Taktik einbezogen. Über spektakuläre psychische Probleme im Wettkampf wird zwar viel häufiger gesprochen als über die Alltagsprobleme im Training - sind sie aber nicht zumeist eine Folge der tausend kleinen Sünden und Versäumnisse im Training? Psychologie sollte deshalb in das tagtägliche Training, nach außen eher unauffällig, dafür aber sachgerecht und hilfreich, integriert werden. Andere Formen der psychologischen Einflußnahme (spezielle Unterweisungen und Seminare, psychologisches Labortraining, psychologische Betreuung beim Wettkampf, psychologiche Beratung u. a.) erregen zwar oftmals mehr Aufmerksamkeit, sind aber von ihrer Gesamtbedeutung und vom angewendeten Zeitumfang her eindeutig nachgeordnete, ergänzende Maßnahmen.
Sind Sie, lieber Leser, nun bereit zu einer kleinen Exkursion in die Welt der Psychologie von Sportlern?
6.1.1. Zur Funktion der Aufmerksamkeit im Sport
Die Aufmerksamkeit (Konzentrationsfähigkeit) ist eine fundamentale Größe unter den zahlreichen Komponenten der Psyche des Sportlers. Sie entspricht einem Zustand gesteigerter Wachheit und der Fähigkeit, die gesamte psychische Tätigkeit aktiv und auswählend auf jene Sachverhalte zu richten, deren Beachtung für Lernen und Leisten im Sport unerläßlich ist. Zugleich macht sie es möglich, sich vor unwesentlichen Sachverhalten und störenden Einflüssen abzuschirmen. Gegenstand der Aufmerksamkeit können sowohl äußere als auch innere Objekte, Ereignisse oder Vorgänge sein (Besonderheiten der Geräte, Partner oder Gegner, Inhalte der Übungsanweisung, eigener körperlicher und psychischer Zustand).
Die Richtung der Aufmerksamkeit ist einerseits durch den Sportler selbst (seine Bedürfnisse, Interessen, Kenntnisse), andererseits durch den Charakter der existierenden Sachverhalte bestimmt. Besonders auffällige, ungewohnte und unerwartete, ebenso aber persönlich sehr bedeutsame Erscheinungen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß diese oft auch ihre eigenen Wege geht - mit zielstrebigem Training verträgt sich das nicht.
So ist nicht selten - und nicht allein bei Anfängern - festzustellen, daß bei einem Konditionstraining die Aufmerksamkeit vieler Sportler sehr stark auf die Wiederholungszahl der Übungen, kaum aber auf die Qualität ihrer Ausführung und die Einhaltung der Pausenzeiten gerichtet ist. Diese Belastungskomponeneten bleiben dann unbewußt, was letztlich zu geringen oder falschen Belastungswirkungen und anderen als den eigentlich gewollten Trainingseffekten führt.
Darüber hinaus stellen alle Sportarten hohe, wenn auch unterschiedliche Anforderungen an die Aufmerksamkeit. Der Bewältigung dieser Anforderungen muß sich der Sportler durch sportart- und aufgabenspezifisches Training annähern. Wenn ein Turner täglich eine Stunde intensiv trainiert, schafft er damit - zumindest für seine Aufmerksamkeit - keine ausreichenden Voraussetzungen für einen Mehrkampf, denn diese Wettkämpfe dauern mehrere Stunden. Die Beständigkeit seiner Aufmerksamkeit wäre nicht ausreichend. Ein solcher Mangel drückt sich in Sportarten wie Volleyball, Tennis oder Sportschießen in nachlassender Handlungsfähigkeit (höhere Fehlerquoten, Verlust an Übersicht und Aktivität) besonders in der Endphase von Wettkämpfen aus.
In anderen Sportarten ist weniger die zeitliche Ausdehnung, mehr dafür die Intensität der Aufmerksamkeit wichtig (leichtathletische Sprint- und Wurfdisziplinen, Gewichtheben). Hier ergeben sich besondere Probleme oft dann, wenn nach längeren Aufmerksamkeitspausen, z. B. infolge von Wettkampfunterbrechungen, plötzlich wieder hohe Aufmerksamkeitsintensität erforderlich ist.
Wenn sowohl Beständigkeit als auch Intensität der Aufmerksamkeit unverzichtbar sind (Kampfsport, Sportspiele, Schach), muß der Sportler gewissermaßen zu Kompromissen fähig sein. Sehr lange Beständigkeit und gleichzeitig hohe Intensität schließen einander weitgehend aus. Deshalb sollten Sportler auch solche Feinheiten erlernen:
- beginnenden Aufmerksamkeitsverlust wahrzunehmen,
- Phasen psychischer Erholung bewußt in den Wettkampfverlauf einzubauen und optimal zu nutzen,
- Tätigkeitsunterbrechungen selbstbestimmt einzuleiten (Auszeiten, Kampfpausen).
Umfang und Umschalten der Aufmerksamkeit sind weitere Qualitäten, die sportartabhängig auszubilden sind. Ersterer wird durch die Zahl der beim Handeln zu beachtenden Sachverhalte (Knotenpunkte bzw. Schlüsselmerkmale) bestimmt. Ein Gewehrschütze hat z. B. mindestens die räumliche Lage von Visiereinrichtung - Scheibe, Licht- und Windverhältnisse, technische Parameter seiner Waffe sowie Rückmeldungen aus seinem Körper (Anschlag, Abzug) zu beachten. Dies alles kann gleichzeitig oder in einer bestimmten Abfolge - durch planvolles Umschalten von einem Merkmal auf das nächste - erforderlich sein. Bereits diese grundlegenden psychischen Fähigkeiten bestimmen Lernerfolg und Leistung nachhaltig.
Von ähnlich elementarer Bedeutung ist der Grad der psycho-physischen Aktivierung des Sportlers. Darunter ist die Gesamterregung des Organismus, seine Energiemobilisation als Vorbereitung auf eine Tätigkeit, zu verstehen. Der Aktivierungsgrad unterliegt ständigen Schwankungen und variiert vom Tiefschlaf bis zu höchsten Erregungszuständen bei extremer Aktivierung. Bei genauem Hinschauen zeigt sich, daß dieser Bereitschaftszustand im täglichen Training und auch in der Anfangsphase vieler Wettkämpfe nicht ausreichend gegeben ist. So werden Mißerfolge und Niederlagen provoziert; so bleiben Lernerfolge im Rahmen der Unauffälligkeit! Deshalb lohnt sich hier die Suche nach wirkungsvollen Programmen zur körperlichen und geistigen Erwärmung, die Durchführung einer konzentrativ-mobilisierenden Einstimmung auf Training und Wettkampf und nicht zuletzt die Anwendung der üblichen Erwärmungsmaßnahmen mit teilweise veränderten Inhalten, wesentlich höheren Intensitäten und mit individuellem Zuschnitt auf jeden einzelnen Sportler.
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