5.1.3. Anforderungen, Voraussetzungen, Training und Kontrolle,Motive und Emotionen
Anforderungen
Motive (Beweggründe) und Emotionen (Gefühle) haben als Antriebskomponenten wesentlichen Einfluß auf die Dauerhaftigkeit der individuellen Bindung an die Sportart, die Effektivität des Übungs- und Trainingsprozesses und die Qualität der sportlichen Leistung.
Motive des Fechters drücken die Einstellung zum Fechten und die Sinngebung für seine sportliche Betätigung aus. Darin eingeschlossen sind die persönlichen Erfahrungen, seine Wertvorstellungen und seine Bedürfnisse, die ihn veranlassen, Fechten als Sportart zu wählen, langfristig zu trainieren und nach guten Ergebnissen zu streben.
Emotionen spiegeln dagegen die psychischen Erregungszustände wider. Sie entstehen im Ergebnis der Bewertung der Anforderungen, der Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung und der Handlungs- und Tätigkeitsergebnisse.
Folgende spezifischen Anforderungen werden durch das Fechten an den Fechter gestellt:
Konfrontation mit einem unmittelbaren Gegner im sportlichen Zweikampf. Fechter müssen gegen jeden Gegner offensiv um den Sieg kämpfen, unabhängig, ob gegen Fechter anderer Vereine und Länder oder gegen Trainingskameraden.
Anpassung und Umstellung auf viele Gegner mit unterschiedlicher Kampfweise in kurzer Folge über längere Zeit. Die einzelnen Gefechte haben zunehmende Bedeutsamkeit (Ausscheidungsmodus) und Schwierigkeit (Konzentration der leistungsfähigsten Gegner am Ende des Turniers). Ständig neue (kurzzeitige) Motivation ist erforderlich.
Ständiger Wechsel zwischen Erfolg (Treffer gesetzt, Gefecht gewonnen, nächste Runde erreicht) und Mißerfolg (Treffer erhalten, Gefecht verloren, ausgeschieden) positiv zu verarbeiten. Sowohl Erfolge (ich beherrsche den Gegner!) als auch Mißerfolge (jetzt erst recht!) sollte das weitere Leistungsverhalten stimulieren. Das trifft auch auf mögliche objektive oder subjektiv empfundene Fehlurteile des Kampfleiters zu.
Habituelle (verfestigte, dauerhafte) Motive, um das für hohe fechterische Leistungen erforderliche, mehrjährige Training selbstbewußt und mit positiven Emotionen (Freude, Stolz, Liebe zum Fechten) zu absolvieren.
Voraussetzungen
Einige im Fechtsport wichtige emotional-motivationale Antriebsrichtungen und -merkmale sind der Übersicht 3 zu entnehmen.
Dominieren bei Fechtkindern besonders Erlebnis- und Leistungsmotive (Neugier, Rauf-Bedürfnis, Fremdbestätigung), differenzieren sich die Bedürfnisse und Motive zunehmend. Vital-emotionale, gesundheitsorientierte Motive (Bewegung, Geselligkeit) veranlassen den echten Freizeitfechter regelmäßig zum Übungsabend zu gehen. Gemeinschafts-, Erlebnis- und Erfolgsmotive stimulieren meist den wettkampforientierten Fechter. Seniorenfechter sind es ihrem guten Ruf schuldig (Selbstbestätigung), den Jungen zu zeigen, was sie noch können. Für Spitzenfechter werden, da die technischen und konditionellen Voraussetzungen der Weltspitze zunehmend ausgeglichener sind, Selbstvertrauen, Mobilisations- und Steigerungsfähigkeit, Mißerfolgstoleranz und Siegeswille zu leistungsentscheidenden Faktoren.
Training
Der Trainer hat die Aufgabe, die aktuelle - und durch Wiederholung auch die dauerhafte - Handlungsmotivation des Fechters und damit sein Lernen, Trainieren und Kämpfen anzuregen oder zu stimulieren. Motivieren muß sich ein Fechter selbst, das ist ein zutiefst persönlicher Prozeß. Das Erlernen der Selbstmotivation durch den Fechter ist eine wichtige Aufgabe des Trainings und durch den Trainer gezielt einzuleiten.
Übersicht 4 enthält einige, durch den Trainer zu bewältigende Motivierungsmaßnahmen.
Kontrolle
Wichtige Voraussetzung eines erfolgsorientierten Trainingsprozesses ist die Anwendung von Kontrollmethoden und -verfahren, um die Wirksamkeit eingesetzter Trainingsmaßnahmen bzw. eine gezielte Ursachenanalyse zu betreiben, sollten die erwarteten Ergebnisse nicht eintreten.
Die am häufigsten verwendete Methode, die jeder geschulte Trainer ohne aufwendige Hilfsmittel eigentlich zu jeder Zeit anwenden kann, ist die Beobachtung. Dabei ist die Motiviertheit bzw. die Art der Motivation oder der Emotion des Sportlers nicht direkt erkennbar. Aus der Beobachtung des Verhaltens der Fechter aber kann auf die zugrundeliegenden psychischen Prozesse geschlossen werden. Die Beobachtung sollte planmäßig erfolgen, um nicht aus Einzelerscheinungen zu falschen Folgerungen zu gelangen. Wenn der Trainer seine Sportler schult und anregt, ihr eigenes Verhalten einer Selbstbeobachtung zu unterziehen und zu bewerten, können in Verbindung mit zwanglosen bzw. gezielten Gesprächen tiefere Einsichten in Beweggründe des Verhaltens gewonnen werden. Beeinflussungsmaßnahmen können zielgerichteter erfolgen. Trainingstagebücher (für Trainer und Sportler) werden angeraten.
Einstellungen und Motiviertheit verändern sich im Laufe der individuellen Entwicklung, der aktuellen Trainingsaufgabe oder der persönlichen Erfahrungen, mit Erfolg und Mißerfolg, mit positiver und negativer Bewertung usw. Die Analysen gelten deshalb immer nur für die konkrete Anforderung und Tätigkeit des Sportlers. Verallgemeinerungen bedürfen längerfristigerer Beobachtungen.
Kontrollen selbst (Leistungskontrollen und Bewertungen, Tests usw.) wirken auf die Fechter motivierend und leistungsstimulierend.
Abb.3 zeigt Ergebnisse über Reaktionstests,
- bei denen die Sportler keine Rückinformation über ihre Ergebnisse erhielten (Serie 1),
- die Rückinformation für jeden Einzelversuch in Bezug zum Mittelwert der ersten Serie mit schneller oder langsamer gegeben wurde (Serie 2) bzw.
- eine Wettbewerbssituation als direkter Leistungsvergleich mit einem anderen Sportler simuliert wurde (Serie 3).
Die Leistungsverbesserung durch die motivierende Wirkung der Kontrolle und Rückinformation ist deutlich erkennbar. Jeder Trainer kann sich selbst beantworten, welche Wirkung eine gute Motivation auf die Leistungsrealisierung im Training und damit auf die Leistungsverbesserung hat. Das bezieht sich auf alle Anforderungsebenen, auf Strategie und Taktik ebenso, wie auf Technik und Kondition.
Strategie und Taktik
Anforderungen
Das Spezifische des Fechtens ist, daß jeweils zwei Fechter mit entgegengesetzten Interessen aufeinanderwirken. Jeder will den anderen mit seiner Fechtwaffe häufiger treffen, als er selbst getroffen wird. Beide Fechter können sich im Rahmen der in den Regeln festgelegten Vereinbarungen (Konventionen) zwischen verschiedenen Möglichkeiten des Handelns und Verhaltens frei entscheiden. Siegreich wird der Fechter sein, der bei etwa gleichen athletischen und technischen Leistungsvoraussetzungen schneller handelt, als der Gegner, die Handlungs- und Verhaltensabsichten des Gegners genauer und schneller erkennt, die richtigen Entscheidungen trifft und versucht, den Gegner zu überlisten.
Auf eine Kampfhandlung (einen Angriff oder eine Parade) bezogen, muß der Fechter
- die entstehende Kampfsituation wahrnehmen und in ihrer Bedeutung für das eigene Handeln erfassen, d.h. die Handlungsbedingungen und das gegnerische Handeln analysieren und interpretieren;
- überlegen, welche Möglichkeiten des eigenen Gegenhandelns es gibt. D.h. die möglichen Wege und Handlungsprogramme gedanklich entwerfen und antizipativ die Erfolgswahrscheinlichkeit abwägen;
- sich für die günstigste Handlungsalternative zu entscheiden um situationsangemessen zu handeln.
Neben einer generellen Kampfbereitschaft und Siegeszuversicht stellt das Fechten folgende strategisch-taktische Anforderungen:
- Beständige Aufmerksamkeit im Wechsel von Konzentration und Verteilung und bewußte Wahrnehmung aller Details am gegnerischen Verhalten durch passive Beobachtung oder aktive Ausforschung.
- Genaue Situationserwartung und schnelle Situationserfassung sowie aktives Manövrieren,, um günstige Kampfsituationen zu schaffen.
- Gedankliches Vergleichen mit vorangegangenen Situationen bzw. vorhandenen Wettkampferfahrungen und schnelle situationsangemessenes Entscheiden.
Verschleierung der eigenen Absichten,, um dem Gegner gegenüber gedanklich im Vorteil zu sein.
Die Überlegungen und Beobachtungen zu individuellen Kampfstilen der Fechter und zu Möglichkeiten der Kompensation (vergl. Abb. 1) haben dazu geführt, im Fechten von drei prinzipiellen Möglichkeiten des Entscheidens auszugehen.
Beim Entscheidungstyp 1 handeln die Fechter nach einer vorher festgelegten Strategie und warten auf die dafür günstigste Situation.
Vorteil einer solchen Handlungsweise ist es, daß die Situation erwartet (antizipiert) werden kann und die Entscheidung sehr schnell erfolgt. Die Fechter setzen ihre Treffer z.B. mit einem festgelegten Angriff, reagieren nicht auf Scheinhandlungen oder Finten oder neigen zu einer bestimmten Art Parade-Riposte bzw. Gegenangriff.
Nachteil ist zweifellos die eingeschränkte Variabilität und Anfälligkeit gegenüber Finten und Zweiter Absicht.
Beim Entscheidungstyp 2 werden die Entscheidungen stärker durch gedankliche Operationen vorbereitet. Die Fechter haben meist zwei oder drei verschiedene Handlungsalternativen im Kopf und wählen je nach aktueller Situation aus.
Vorteil ist, daß die Fechter variabler sind und schwerer ausgerechnet werden können. Sie lösen ihre Kampfaufgaben nach dem Prinzip: Entweder - oder. Angewendet werden Alternativen aus verschiedenen Handlungsgruppen (Strategischen Grundelementen), z.B. Angriff oder Verteidigung. Man kann aber auch Varianten innerhalb einer Gruppe auswählen, z.B. Direkter- oder Fintangriff, Quart- oder Sixtparade.
Nachteil dieses Entscheidungstyps ist die verzögerte Entscheidungszeit.
Beim Entscheidungstyp 3 verzichten die Fechter auf strategische Vorüberlegungen und entscheiden in Abhängigkeit von der aktuellen Situation nach dem Motto mal seh'n, was kommt.
Vorteil ist, daß die Fechter - wenn sie es beherrschen und über ein großes Handlungsrepertoire und viel Erfahrungen verfügen - jederzeit situationsangemessen handeln können.
Nachteil ist, daß immer von Fall zu Fall entschieden werden muß und das Gefecht ohne gedankliches Konzept verläuft.
In der Abb. 4 sind die Entscheidungstypen mit dem jeweiligen Vor- (+) und Nachteil (-) vereinfacht dargestellt.
Das Zweikampfverhalten als die für Fechten charakteristische Art der sportlichen Auseinandersetzung wird mit folgenden Anforderungsdimensionen erklärt:
Situationsangemessenheit (Der Fechter realisiert auf der Grundlage spezifischer Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozesse eine hochgradige Übereinstimmung zwischen den Anforderungen der Wettkampfsituation und seinen subjektiven Leistungsmöglichkeiten);
Zielgerichtetheit (Sie ermöglicht dem Fechter auch unter extrem harten Wettkampfbedingungen auf der Grundlage hoher Motivation, leistungsorientierter Wettkampfeinstellung, einem guten Ausbildungsstand sportartspezifischer volitiver Wettkampfeigenschaften und eines hervorragenden psycho-physischen Zustandes eine siegorientierte Strategie vorbehaltlos und in hoher Qualität zu realisieren);
Originalität (Damit kommt auf der Basis der Besonderheiten des Fechters die Individualität bzw. der persönliche Verhaltensstil zum Ausdruck);
Stabilität (Als vor allem qualitatives Merkmal, das sich darin äußert, daß der Fechter auch in schwierigen, ja sogar extremen Belastungssituationen das für die Realisierung der Zielstellung notwendige, bewußt kontrollierte Handeln aufrecht erhalten kann).
Voraussetzungen
Die Bewältigung der strategisch-taktischen Anforderungen durch den Fechter erfordert eine Reihe vor allem psychischer Prozesse, die als Stufen der Informationsverarbeitung übersichtlich klassifiziert werden können.
Vereinfacht sind die in Wirklichkeit immer in Wechselwirkung ablaufenden Prozesse in der Abb. 5 dargestellt.
In diesem schematischen Modell ist der Funktionsbereich TAKTIK der Abb. 1 herausgelöst.
Mit den wahrnehmungsgebundenen Prozessen (Informationsaufnahme) schafft sich der Fechter ein subjektives Abbild der konkreten Anforderungssituation und verleiht den aufgenommenen Informationen einen persönlichen Sinn für sein Handeln.
Eine in Zentimetern objektiv nicht bestimmbare Entfernung zum Gegner (Mensur) wird subjektiv in Abhängigkeit von der Weite der eigenen Bewegungselemente, z.B. des Schrittes oder Schritt-vorwärts-Ausfalls als mittlere oder weite Mensur bezeichnet. Wird die Entfernung für die eigene Verteidigungssicherheit gefährlich, erhält sie den subjektiven Sinn: kritische Mensur - schnell öffnen!
Ähnlich ist es mit der Wahrnehmung der Klingenlagen und der Bewegungen.
Die intellektuellen Prozesse (denkendes Verarbeiten und Speichern der Informationen) haben die Aufgabe,
- die jeweilige Situation zu analysieren, sie in Beziehung zu den eigenen Handlungsmöglichkeiten zu setzen,
- die gegnerischen Absichten zu bedenken, Lösungen zu finden, bzw.
- Entscheidungen zu fällen (hauptsächlich an das Kurzzeitgedächtnis gebunden) und
- sich das dazu erforderliche Wissen anzueignen und
- die Resultate des eigenen und gegnerischen Handelns zu merken (Langzeitgedächtnis).
Alle diese Prozesse haben einen unterschiedlichen Bewußtheitsgrad und reichen von voll bewußt (Beobachten eines Gegners, Aufstellen eines Handlungsplanes) bis unbewußt (Mensur- und Tempogefühl, Handlungsfertigkeit).
Die Qualität des strategisch-taktischen Handelns ist abhängig von der Schnelligkeit, der Genauigkeit, der Zielgerichtetheit, der Variabilität und der Stabilität dieser Prozesse. Da diese Prozesse dominant kampfstilbestimmend sind, werden wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, um durch Hinweise über individuelle Stärken und Schwächen (vergl. Übersicht 1 und Abb. 4) die besondere Eignung für das individuelle Kampfverhalten zu ermitteln.
In Übersicht 5 sind solche Untersuchungsergebnisse zusammengestellt.
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