5. Zweikampfsportarten

5.1. Fechten

5.1.1. Anforderungs- und Leistungsstruktur

In vielen Lehrbüchern des Fechtsports wird der „ideale“ Fechter bildhaft als „schnell, wie ein Sprinter, technisch virtuos, wie ein Chirurg oder ein Geiger und klug, wie ein Schachspieler“ gekennzeichnet. Weitere Attribute sind elegant und kämpferisch, zielstrebig und ausdauernd bzw. groß und schlank.

Einerseits ist das richtig, denn viele Einzelfaktoren sind an der Leistung im Fechten beteiligt. Fechten ist sicher nicht vergleichbar mit Sportarten, bei denen durch die überragende Bedeutung eines Merkmals das Ergebnis oder die Leistungsfähigkeit dominant bestimmt wird, wie es z.B. beim Marathonläufer die Ausdauer ist, beim Gewichtheber die Kraft oder beim Turner die technisch-akrobatischen Voraussetzungen. Auch der brillianteste Techniker wird im Fechten nicht siegreich sein, wenn er seine Handlung nicht im richtigen Moment und schnell ausführt und der ausdauernste Fechter wird verlieren, wenn er den Gegner nicht trifft und vorbeistößt.

Andererseits sind die Fechter mit guten Wettkampfergebnissen sehr verschieden. Es gibt Weltmeister mit einer Körpergröße von 1,90 Meter und mehr, andere aber auch, die um die 1,60 Meter groß sind. Es gibt sehr elegante Fechter, aber auch kämpferisch-unorthodox erfolgreich fechtende. Es gibt die klugen Strategen und cleveren Taktiker ebenso wie die relativ einseitigen, sehr reaktionsschnellen Fechter. Meist sind besondere Anlagen oder ausgebildete Stärken die Grundlage für die verschiedenen individuell bevorzugten Kampfweisen (Verhaltensstile) der Fechter. Dabei werden in starker Verallgemeinerung zwischen sogenannten „Kämpfern“ und „Taktikern“ unterschieden.

Als „Kämpfer“ werden solche Fechter bezeichnet, die mit relativ einfachen schnellen Entscheidungen auf der Grundlage guter räumlich-zeitlicher Orientierung in plötzlich entstandenen Kampfsituationen schnell, konsequent und kampfstark - impulsiv reguliert - agieren/reagieren.

„Taktiker“ sind Fechter, die entstehende Situationen antizipieren bzw. durch taktische Manöver aktiv vorbereiten und die Auseinandersetzung mit dem Gegner auf der Grundlage von vorwiegend reflexiven Entscheidungen nach strategisch-taktischen Überlegungen und mit Hilfe komplizierter Bewegungsabläufe erfolgreich führen.

Durch diese zweiseitige Betrachtung wird festgestellt, daß Fechten eine komplexe Sportart ist und eine Vielzahl spezieller Leistungsfähigkeiten und -eigenschaften zur erfolgreichen Ausführung erfordert. Es ist aber auch festzustellen, daß diese Leistungsvoraussetzungen miteinander in Beziehung stehen und sich zum Teil wechselseitig ergänzen bzw. kompensieren (ausgleichen) können.

Bisherige Auffassungen zur Leistungsstruktur des Fechtens - des inneren Aufbaus der konkreten fechterischen Leistung bzw. der am Zustandekommen der Leistung beteiligten Faktoren und deren Wechselbeziehungen - basierten auf der Überlegung, daß die einzelnen, an der komplexen Leistung beteiligten Fähigkeiten, Eigenschaften, Fertigkeiten, körperbaulichen Merkmale sowie andere Komponenten zu „komplexen Leistungsfaktoren“ zusammengefaßt werden können. In einer schematisch vereinfachten Form sind diese komplexen Faktoren als Leistungsstrukturmodell dargestellt.

Kern der Darstellung sind die an das Persönlichkeitssystem gebundenen Dispositionen:

Physisch-organische Voraussetzungen und Kondition (Körperbau, Stütz- und Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf-System, Muskeln, Nerven, Sinnesorgane usw. und der jeweilige Entwicklungsstand der Kraft, der Schnelligkeit und der Ausdauer).

Koordinative (bewegungsregulierende) Voraussetzungen und Technik (muskuläre Koordination, Bewegungsempfindung, Bewegungsvorstellung, Fähigkeit zur Steuerung der Bewegungen und ausgebildete sporttechnische Fertigkeiten).

Psychisch-kognitive Prozesse der Handlungsregulation und Strategie und Taktik (Empfinden, Wahrnehmen, Vorstellen, Denken) und ausgebildetes/erworbenes strategisch-taktisches Wissen und Können.

Um diesen Kern bilden die Dispositionen des Systems „Persönlichkeit“ einen relativ eigenständigen Komplex, weil die darin eingeschlossenen Elemente - Emotion (Freude, Ärger, Sicherheit, Unsicherheit u.a.), Motivation (Interessen, Ziele, Wünsche und Ideale u.a.) und Einstellungen alle drei Bereiche beeinflussen.

Externe Faktoren beeinflussen die spezifische Handlungsfähigkeit (die Leistung und das Ergebnis) eines Fechters insofern, als die sozialen und kulturellen Bedingungen (gesellschaftliches Umfeld, Bewertung und Unterstützung der Leistung durch soziale Einordnung, Öffentlichkeitswirkungen, Bereitstellung von Ressourcen, Erkenntnisse der Sportwissenschaft u.a.), das Wettkampfmaterial (Waffen, Kleidung bis hin zu speziellen Sportgeräten für das Training) und die Wettkampfbedingungen (Wettkampfmodus, Wettkampfstätte, die Bewertung der Leistung durch Kampfrichter u.a.) leistungsbegünstigend bzw. leistungshemmend wirken können.

Das Ineinandergreifen der Faktoren in der schematischen Darstellung deutet die wechselseitigen Verflechtungen an. Die übergreifende Einordnung der die Persönlichkeit bestimmenden Elemente symbolisieren deren generelle Bedeutung.

Moderne zukunftsorientierte Ansätze bei der Betrachtung der Leistungsstruktur versuchen mit einem ganzheitlichen Konzept den Zusammenhang der Faktoren - ihr „internes Funktionieren“ - zu erklären. Gerade die gegenseitige Bedingtheit oder strukturelle und funktionale Verflechtung der biologischen Prozesse der Energieregulation (Kondition), der sensomotorischen Prozesse der Bewegungsregulation (Technik/Koordination) und der psychisch-kognitiven Prozesse der Handlungs- und Verhaltensregulation (Strategie/Taktik) in Verbindung mit den situationsüberdauernden pesönlichkeitsspezifischen (emotionalen und motivationalen) Dispositionen charakterisiert das Wesentliche einer Struktur der Leistung und des Leistungsvermögens eines Fechters.

Zum besseren Verständnis der folgenden Empfehlungen für ein modernes Fechttraining werden die wichtigsten Ausgangspositionen zusammenfassend vorangestellt und kurz erläutert.

1. Die sportliche Leistung eines Fechters ist das komplexe Ergebnis des Wirkens einer Persönlichkeit. Auf der Grundlage der Leistungskapazität der Organsysteme und Funktionen bewirken die vielfältigen Verflechtungen zwischen Fähigkeiten, Eigenschaften, und Fertigkeiten das Niveau der Wettkampfleistung, die Einstellungen zur Anforderungsbewältigung und die individuelle Handlungsfähigkeit.

2. Die einzelnen Leistungsvoraussetzungen (Fähigkeiten, Eigenschaften usw.) sind, was ihre Vollständigkeit und ihren Anteil am Zustandekommen der sportlichen Leistung betrifft, momentan nicht genau bestimmbar. Deshalb sind Eignungsbeurteilungen und exakte Leistungsvorhersagen nur in Annäherungen möglich. Die sportart- auch disziplinspezifische Ausrichtung des Leistungsvermögens (strukturell und funktionell) bewältigt die „bio-psycho-soziale Ganzheit“ Fechter im Sinne einer „Selbstorganisation“ durch die häufige, trainingsmethodisch begründete Bewältigung der spezifischen Anforderung im Training und im Wettkampf der Sportart und Disziplin. Dieser Prozeß vollzieht sich unabhängig davon, was wir im Detail bereits darüber wissen.

3. Es gibt keine spezielle Fähigkeit „an sich“, sondern immer nur Fähigkeiten des Fechters für konkrete Tätigkeiten, Handlungen oder Bewegungen. Deshalb wird mit den Aussagen zur „Persönlichkeit“ und ihrer Struktur kein Anspruch auf Gültigkeit für andere Lebensbereiche angestrebt. Beabsichtigt sind Bezüge zur gesamten Persönlichkeit, hinsichtlich der Tätigkeit (Handlungen, Bewegungen) aber nur auf die durch den Fechtsport bestimmten spezifischen Anforderungsbereiche. Das Leistungsvermögen eines Fechters ist zweckbestimmt. Fechter sind hochspezialisiert und meist nur in einer Disziplin erfolgreich.

4. Da Fechter mit sehr unterschiedlicher Konstitution, unterschiedlichem Handlungsrepertoire und unterschiedlichem Kampfverhalten gleiche sportliche Leistungen vollbringen (Siege erzielen) können, ist ein Eingehen auf individuelle Besonderheiten der Fechter und das Aufdecken bzw. Schaffen von Kompensationsmöglichkeiten vorteilhaft und unumgänglich.

Typische Kompensationsmöglichkeiten für Fechter sind in Übersicht 1 zusammengestellt.

5. Die individuellen Leistungsvoraussetzungen der Fechter sind entsprechend der konkreten Anforderungen auf verschiedenen Regulationsebenen „hierarchisch“ strukturiert. D.h., die in Abb.1 gekennzeichneten komplexen Leistungsfaktoren wirken als „Leistungsstruktur“ nicht nebeneinander, sondern sind als Funktions- (auch Regulations-) ebenen im Sinne einer Rangordnung unter- oder übergeordnet, stehen zueinander in einer „zweifach hierarchischen Beziehung“. (vergl. Abb. 2)

Zum einen sind die Existenz des Organismus und die biologischen Prozesse der Energieregulation in der für den Trainer faßbaren Form von Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer Voraussetzung dafür, daß der Sportler die fechterische Technik schnell, genau und zuverlässig ausführen, gegnerisches Verhalten wahrnehmen, sich richtig entscheiden und sich Ziele setzen, sich ärgern oder sich freuen kann.

Zum anderen erfolgt die Handlungssteuerung, indem sich der Fechter Ziele stellt, sich für deren Erfüllung motiviert, Handlungsprogramme festlegt und sich für bestimmte Ziele, Wege und Mittel entscheidet. Erst dann erfolgt die Ausführung bzw. Umsetzung der ziel- und situationsangemessenen Bewegungsprogramme (motorische Realisierung) und die Aktivierung der energieliefernden Prozesse.

Auf der Ebene der Antriebsregulation wird die Gesamtheit des Leistungsverhaltens und -handelns bestimmt. Die Handlungs-, Bewegungs- und Energieregulation ist daran in bestimmten Maße beteiligt. Wichtig für den Trainer ist in diesem Zusammenhang das Wissen, daß der Ebene der Handlungsregulation die Antriebsebene über-, die Bewegungs- und Energieebene dagegen untergeordnet ist. Wettkampfversagen oder auch nur eine Fehlhandlung kann sowohl durch eine der Situation nicht angemessene Entscheidung für eine falsche Handlung (z.B. Gegenangriff statt Parade-Riposte) als auch durch eine zu späte (Tempo verpaßt) bzw. in Ablauf (zu groß; zu klein) oder Ziel (vorbeigestoßen) fehlerhafte Bewegung verursacht werden. Oder aber der Fechter hatte einfach keine rechte Lust.

Nur innerhalb dieser Grenzen ist die anteilige Wichtung der beteiligten Subsysteme an dieser komplexen Leistung für den Trainer momentan sinnvoll.

5.1.2. Anforderungsstruktur und Trainingsaufgaben

Für den Trainer werden diese Fragen der Leistungsstruktur dann bedeutsam, wenn das Üben und Trainieren durch Zielformulierung, die Bestimmung der zur Zielerreichung erforderlichen Trainingsinhalte, Trainingsmittel und Trainingsmethoden dahingehend gelenkt werden soll, daß der Fechter anforderungsgemäß trainiert, daß sich die angezielten physisch-organischen, bewegungsregulierenden, psychisch-kognitiven und emotional-volitiven Voraussetzungen und Prozesse ausgebildet und strukturell optimal (also anforderungsgemäß) verknüpft werden. Die anforderungsgerechte Regulation muß erlernt und ständig weiter vervollkommnet und stabilisiert werden.

Stark vereinfacht muß man sich vorstellen, daß der Organismus des Menschen ein sich selbst regulierendes System ist, in dem Beanspruchungen , die durch das sportliche Üben hervorgerufen werden, als „Gleichgewichtsstörungen“ wirken. Der Organismus versucht, diese auszugleichen und sich anzupassen. Die Aufgabe der Übungsleiter oder der Trainer ist es, diese Anpassungen an die Anforderungen zu optimieren. Entwicklung (Verbesserung) setzt immer dann ein, wenn beim Sportler vorhandene Leistungsvoraussetzungen nicht ganz ausreichen und er die gestellte Aufgabe oder Anforderung nur mit persönlicher Anstrengung erfüllen kann.

In der Anforderungsstruktur hat der Trainer seine Orientierungsgrundlage.

Das gilt für die „Konstruktion“ von Anforderungsprofilen für längerfristige Ausbildungspläne, bei denen es mehr um eine vielseitige Grundlegung geht als auch für die optimale Vorbereitung von Spitzenfechtern auf internationale Meisterschaften.

In der Übersicht 2: „Struktur-Plan“ des Trainings ist dargestellt, in welcher Beziehung die Anforderungen des Fechtsports zu den erforderlichen Leistungsvoraussetzungen, den Trainingsaufgaben und den Möglichkeiten der Leistungsbeurteilung bzw. der Trainingssteuerung stehen. Damit bekommen die einzelnen Abschnitte des Wissensspeichers eine logische Verbindung. Mit den bisherigen Ausführungen zur Hierarchie der Regulationsebenen erhält der Trainer einen „Fahrplan“ für seine verantwortungsvolle Tätigkeit.

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