4.1.3.1.2. Tänzerische Ausbildung
Die tänzerische Ausbildung dient der Ausprägung spezieller konditionell-koordinativer Leistungsvoraussetzungen wie auch der Erarbeitung und Perfektionierung tänzerischer Fertigkeiten und gestalterischer Fähigkeiten. Mit Mitteln des klassischen Tanzes, des Modern- und Jazzdance wird
- die virtuose Darbietung von Körperbewegungen und deren Kopplungen entwickelt,
- die tänzerische Prägung der Körperbewegungen unter variablen Interpretationsformen vervollkommnet und
- die Individualisierung musik-, raum- und stilbezogener gestalterischer Leistungsvoraussetzungen gefördert.
Grundlage der tänzerischen Ausbildung ist die notwendige Körperspannung. Zur Entwicklung eignen sich dafür bei den jüngsten Gymnastinnen das Bodenexercise (Beinführen und -heben in der Rückenlage) und einfache Formen des Stangenexercises (bei beidhändiger Fassung der Stange). Speziell ist auf die Gesamtkörperspannung und die Spannung im Mittelkörper zu achten. Auf die Musikbegleitung zu diesen Exerciseformen sollte besonderer Wert gelegt werden. Einerseits lernen die Gymnastinnen dadurch, sich im Rhythmus zu bewegen und andererseits motiviert die Musik zur Übungsausführung.
4.1.3.1.3. Musikalisch-rhythmische Ausbildung
Die Musik hat in der RSG einen hohen Stellenwert. Die Wettkampfübungen werden mit musikalischer Begleitung vorgetragen, wobei die Anforderung besteht, die Bewegungen genau auf die Musik abzustimmen, musikalische Akzente bewegungsmäßig umzusetzen. Die tänzerische Ausbildung wird mit musikalischer Begleitung durchgeführt.
Die Gymnastin muß die Fähigkeit besitzen,
- die Bewegung mit dem musikalischen Rhythmus abzustimmen,
- die Melodie bewußt und emotional wahrzunehmen,
- mit Bewegungen die Intonation eines musikalischen Themas wiederzugeben.
Mit der Entwicklung dieser notwendigen Fähigkeiten kann schon im frühen Alter begonnen werden. Einfache Übungen (wie z.B. Geh- und Laufschritte mit Handklatschen usw.) zur vorgegebenen Musik mit verschiedenen Tempi können bereits die Jüngsten erlernen. Kleinere und kindgemäße Musikstücke sollten für die Improvisation zur Anwendung kommen. Je früher damit begonnen wird, desto leichter fällt es später, die Musik bewußt und emotional wahrzunehmen und in die Bewegung umzusetzen.
4.1.3.2. Technische Vorbereitung
Die technische Vorbereitung mit und ohne Geräte nimmt zeitmäßig einen sehr großen Raum im Trainingsprozeß der Gymnastinnen ein. Die Vielzahl der Elemente und Verbindungen, die durch die Kombinationsmöglichkeiten der Körper- und Gerätbewegungen gegeben ist und die immer dazukommenden neu kreierten Elemente und Verbindungen, die schon bald zum Standardübungsgut gehören, erfordern einen systematischen Aufbau des Übungsgutes und den Einsatz wirksamer Lernmethoden.
Für die spezielle Ausbildung der Elemente in den einzelnen Strukturgruppen sei auf die Fachliteratur (1, 5, 9) verwiesen.
In der genannten Fachliteratur wird die methodische Anleitung zum Erlernen grundlegender Elemente gegeben.
4.1.3.2.1. Vorbereitung ohne Gerät
Die Vorbereitung ohne Gerät beinhaltet das Training der Körperbewegungen, die für die Wettkampfübungen erforderlich sind. Überschneidungen mit der tänzerischen Ausbildung sind vorhanden. Die tänzerische Ausbildung enthält jedoch nicht alle notwendigen Elemente und Verbindungen, die für die Wettkampfübung benötigt werden.
Die für die RSG erforderlichen Strukturgruppen der Körperbewegungen sind:
- Stände,
- Sprünge,
- Drehungen,
- Beugen,
- Bodenelemente (siehe Abb. 5 u. 6 ).
Direkte Kopplungen von Elementen aus den unterschiedlichen Strukturgruppen gehören immer mehr zum Standardübungsgut und sind in das Training nach Beherrschung der Einzel- Körperbewegungen mit aufzunehmen:
- Bodentechniken - Aufstehen über die Standwaage rücklings
- Drehungen - Stand
- Sprung - Stand
- Sprung - Drehung
- Stand - Beuge .
In jeder Strukturgruppe der Körperbewegungen gibt es sog. Basiselemente, also Elemente die grundlegende strukturelle Anforderungen für die Gruppe beinhalten:
- Sprünge: Schrittsprung, beidbeiniger Sprung mit Drehung,
- Stände: beidbeinige und einbeinige Ballenstände,
- Drehungen: beidbeinige und einbeinige Drehungen (relevé und plié),
- Beugen: Rückbeugen,
- Bodenelemente: Formen des Rollens, Brücken, Stütze.
Besonders wichtig erscheint es, darauf hinzuweisen, daß die technisch exakte Ausführung in der Anfängerausbildung wichtiger ist, als komplizierte Elemente und Verbindungen zu erlenen, die technisch unsauber (z.B. bei Sprüngen mit schlechter Fußabrolltechnik beim Absprung und bei der Landung) geturnt werden. Einmal gefestigte Fehler bei der technischen Grundausbildung erschweren später das Erlernen komplizierterer Bewegungen und sind nur mit großem Zeitaufwand wieder zu beseitigen.
Besonders ist bei der Ausführung der Elemente immer auf die Gesamtkörperspannung zu achten. Alle Körperbewegungen sind beidseitig zu erlernen und zu trainieren. Diese Vorgehensweise verhindert eine einseitige Ausbildung und auch eine asymmetrische Muskelbelastung. Erst bei Höchstschwierigkeiten und Darbietung von Supertechniken wird die bessere Seite bevorzugt.
4.1.3.2.2. Vorbereitung mit Geräten
Die Vorbereitung mit den Geräten umfaßt bewegungsstrukturell gesehen einen höheren Umfang. Betrachtet man die Disziplinen Seil, Ball, Reifen, Keulen und Band und die Gerätstrukturgruppen innerhalb dieser, wird deutlich, welche Vielzahl von Bewegungsmöglichkeiten (siehe Abb. 7) gegeben sind. Innerhalb der Strukturgruppen kommen noch die verschiedenen Bewegungsebenen und Griffarten dazu.
Beispielhaft verdeutlicht das der Überblick über die Strukturgruppe Schwünge und Kreisen in der Disziplin Seil (siehe Abb. 8).
Ähnlich wie bei den Körperbewegungen, so gibt es auch bei den Gerätbewegungen Elemente, die die Merkmale grundlegender struktureller Anforderungen in sich vereinen. Alle Disziplinen übergreifend betrifft das die Strukturgruppen Werfen und Fangen sowie die Schwünge und Kreise. Bestimmte Strukturgruppen treten in mehreren Disziplinen auf, so das Rollen, Balancieren, Durchschläge und das Zwirbeln.
Die mit einem Gerät erlernten grundlegenden Gerätbewegungen haben Transferwirkungen (positive Übertragung) auf die anderen Geräte . So wird z.B. mit dem Werfen, unabhängig vom Gerät, der lange Abwurfarm und der günstigste Abwurfwinkel geschult.
In gleicher Weise wie bei den Körperbewegungen gilt es beim Erlernen grundlegender Gerätbewegungen technisch exakte (saubere) Fertigkeiten zu vermitteln. Sie sind Hauptbestandteil bei der weiteren Aneignung des Übungsgutes und der stabilen Darbietung der Wettkampfübung. Das Erlernen der Gerätbewegungen hat beidseitig zu erfolgen. Die beidseitige Darbietung ergibt sich schon allein aus den Anforderungen der Wertungsbestimmungen. Sie fordern die Beidseitgkeit in ausgewogenem Maß in der gesamten Wettkampfübung. Zudem sind entsprechende Schwierigkeitsteile mit der linken (bei Linkshändern adäquat mit der rechten) Hand darzubieten, sofern man keinen Punktabzug erhalten möchte.
Trägt man den Entwicklungstendenzen hinsichtlich der Gerätbewegungen Rechnung, kommt in diesem Komplex noch zusätzlich die Gerätsteuerung mit anderen Körperteilen als der Hand (z.B. Fuß, Rücken, Schulter etc.) hinzu. In einigen Strukturgruppen gehört die Bewegungssteuerung mit dem Fuß schon zum Standard der weltbesten Gymnastinnen (z.B. Fußwürfe mit dem Seil, Werfen und Fangen mit dem Fuß/Bein des Reifens).
Untersuchungen (8) haben gezeigt, daß das Erlernen von Gerätbewegungen mit anderen Körperteilen als der Hand in einer Lernschrittfolge effektiv gestaltet werden kann. Gleiche Bewegungsausführungen mit unterschiedlichen Geräten werden im Komplex gleichzeitig erlernt (siehe Abb.9 und Abb.10 ).
Dabei werden in einem ersten Trainingsabschnitt die Grundlagenfertigkeiten vermittelt. Zum Einsatz kommen alle in der RSG bekannten Geräte und zusätzlich ein Schlappball. Der Schlappball ist ein gering aufgepumpter Ball, der wenig ausgeprägte Prelleigenschaften aufweist und deshalb besser balanciert und gefangen werden kann als der normale Gymnastikball. Werden die Grundfertigkeiten beherrscht, können in einem zweiten sich anschließenden Trainingsabschnitt Elemente und Verbindungen geschult werden, die das Werfen, Balancieren und Fangen des Gerätes mit Körperteilen beinhalten. Entsprechend der individuellen Stärken kann für jede Gymnastin pro Disziplin ein individuelles Schwerpunktelement erarbeitet werden (Schwierigkeitssteigerungen im Verlauf des Trainings können dann weiter eingebaut werden).
Beispielelemente:
Disziplin Reifen
- Rotieren des Reifens um den Hals
-> Abwurf
- Fangen des Reifens mit dem Ellenbogen, Rotieren
um den Ellenbogen
-> Abwurf
Fangen mit dem Fuß
Disziplin Band
- Werfen des Bandes mit dem Fuß, Rolle vorwärts
Fangen des Bandes und sofortiges Abwerfen des Bandes mit dem Fuß, beidbeinige Drehung, Fangen mit dem Rücken
Schwierigkeitssteigerungen können z.B. durch schwierigere Körperbewegungen oder die Erhöhung der Anzahl der Körperbewegungen (beispielsweise zwei Rollen statt einer) erzielt werden.
4.1.3.2.3. Training der Elemente und Verbindungen
Sind die Grundtechniken der Körper- und Gerätbewegungen gefestigt, wird damit begonnen, beides in einem Element zu verbinden. Dabei kommen in der RSG die Ganzheits- und die Teillernmethode (siehe Erläuterungen im Kapitel akrobatische Sportarten) zur Anwendung.
Welche Methode zum Einsatz kommt, ist abhängig:
- vom Schwierigkeitsgrad des Elementes,
- dem Niveau der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Gymnastin,
- dem Lerntyp der Gymnastin.
Die Entscheidung ist für jedes Element und jede Verbindung neu zu fällen. Im folgenden werden zwei Beispiele für die Ganzheits- und die Teillernmethode dargestellt, die dem besseren Verständnis dienen sollen.
Ganzheitsmethode:
Disziplin Band
Stand (relevé) Bein seitgespreizt mit Spiralen
Das Element wird ohne vorbereitende Lernschritte ausgeführt, wobei davon auszugehen ist, daß sowohl die Körperbewegung als auch die Gerätbewegung einzeln beherrscht werden.
Teillernmethode:
Disziplin Reifen
beidbeiniger Stand, Fußwurf, 1 Rolle vorwärts, Fangen mit dem Fuß in einer Lage am Boden
Lernschritte:
a)Fußwurf und Fangen mit der Hand im Stand
b)Fußwurf, 1 Rolle seitwärts, Fangen mit der Hand in der Lage
c)Fußwurf, 1 Rolle vorwärts, Fangen mit der Hand in der Lage
d)Fußwurf, Fangen mit dem Fuß in der Lage am Boden
e)Fußwurf, 1 Rolle seitwärts, Fangen mit dem Fuß in der Lage am Boden
f)Fußwurf, 1 Rolle vorwärts, Fangen mit dem Fuß in einer Lage am Boden
-> Zielelement
4.1.3.3. Übungstraining
Entsprechend des Alters- und Ausbildungsstandes sind Pflichtübungen, Etüden (Kürübungen mit Pflichtelementen im zeitlichen Limit geringer als die Wettkampfübungen) und die Wettkampfübungen Inhalt des Übungstrainings.
Das Übungstraining beginnt mit dem Erlernen der Übung und setzt sich fort mit dem Ziel:
- der stabilen Darbietung der Übung,
- der genauen Übereinstimmung zwischen Musik und Bewegung,
- der ausdrucksstarken Gestaltung (Mimik, Gestik/Körpereinsatz) und
- eventuell auch einer späteren Schwierigkeitsaufstockung.
Beispielhaft sei auf die differenzierte prozentuale Verteilung der einzelnen Trainingsbestandteile ( Training von Elementen, Verbindungen und Übungen) in den unterschiedlichen Trainingsperioden verwiesen. (siehe Abb. 12 und 13).
Es wird deutlich, daß sich die Anteiligkeiten zugunsten der Übungen eindeutig verschieben, je näher der Wettkampf heranrückt. Das heißt aber nicht, daß das Training der Elemente und Verbindungen ganz vernachlässigt wird, sondern sie haben wenn auch einen geringeren Platz im Übungstraining.
4.1.3.4. Effektivitätssteigerung in der technischen Vorbereitung
4.1.3.4.1. Transfereffekte
Aufgrund der Vielfalt der Bewegungsstrukturen der Körper- und Gerätbewegungen, ihrer Kombinationsmöglichkeiten in den Disziplinen und der Gerätsteuerungsmöglichkeiten mit verschiedenen Körperteilen kommt einer wirksamen Lernmethodik eine besondere Bedeutung zu.
Ein wesentlicher Fakt im Lernprozeß ist die bewußte Nutzung der Transferwirkung. Diese schließt ein:
- Transfereffekte von der rechten auf die linke Hand (Seitigkeit)
- Transfereffekte von einem Gerät zum anderen
- Transfereffekte von der Hand auf andere Körperteile (Fuß, Rücken, Schulter etc.).
Untersuchungsergebnisse weisen nach, daß diese Effekte in der technischen Vorbereitung der Gymnastinnen zum Tragen kommen und bei bewußter Planung eine Lernzeitverkürzung bewirken (siehe Literatur 8).
4.1.3.4.2. Sensible Phasen der Fähigkeits- und Fertigkeitsentwicklung
Die in der Abb. 13 dargestellten sensiblen Phasen der Entwicklung der psychomotorischen koordinativen Fähigkeiten, der physischen und der affekt-kognitiven Fähigkeiten zeigen, daß die Altersklassen 10 bis etwa 14 Jahre besonders effektiv für die Entwicklung grundlegender (insbesondere notwendiger koordinativer Fähigkeiten) für die Gymnastinnen genutzt werden sollten.
Für die beste Lernfähigkeit in der RSG können folgende Erfahrungswerte gelten.
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