2.4.3.2. Belastung und Wiederherstellung
- Ausgehend vom geplanten Zeitpunkt des Erreichens der individuellen Jahreshöchstleistung wird versucht, auf der Grundlage der personalen Dispositionen und Anpassungsreaktionen die Struktur des Trainings auf das angestrebte Ziel auszurichten. In den ursprünglichen Plänen der Schnellkraftsportarten der einstigen DDR wurden in der aufgezeigten Richtung die entsprechenden Orientierungen gegeben. Trotz allgemein gehaltener Formulierungen gab es in folgenden Positionen annähernde Übereinstimmungen:
- Forderung nach effektiverer Gestaltung des allgemeinen Trainings mit den Zielstellungen
- Erhöhung der Belastungsverträglichkeit für das Kraft- und spezielle Training;
- Gezielte Auswahl der Mittel und Methoden aufgrund der wettkampfspezifischen Anforderungen;
- Volle Konzentration der Trainer und Sportler auf exakte Ausführung jeder Übung;
- Forderung nach Aufwertung des sogenannten Kompensationstrainings durch
- systematische Anwendung entsprechender Übungsprogramme;
- Anerkennung und aufgabenbezogene Einordnung dieses Elementes als eigenständigen und vollwertigen Übungskomplex in das Gesamtgefüge;
- überzeugende Argumentation gegenüber Trainern und Sportlern;
- Forderung nach Erhöhung der Anzahl an Wiederholungen der originalen Wettkampfübungen in allen Etappen des Jahresleistungsaufbaus bei Einhaltung vorgegebener Qualitätskriterien;
- Forderung nach Verschiebung der Proportionen zwischen den Intensitätsstufen zugunsten submaximaler und intensiver Reize /1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12/.
- Diese Orientierungen zielten auf die Optimierung des Verhältnisses von Belastung und Wiederherstellung.
Die notwendigen und individuell unterschiedlichen Erholungsintervalle in und zwischen den einzelnen TE beeinflussen hochgradig die Leistungsfähigkeit jedes Sportlers. Monotones und gleichbleibendes Vorgehen im Jahres- und Mehrjahresaufbau pegelt den Organismus des Athleten auf einen Normstatus ein. Dieser wirkt im Prozeßverlauf im wahrsten Sinne des Wortes als Leistungsbarriere. Auch im Hochleistungstraining ist immer wieder davon auszugehen, daß nur durch abwechslungsreiche und dynamische Belastungsgestaltung und Variation der Trainingsmittel die angestrebten Anpassungsvorgänge tatsächlich auch ausgelöst werden.
- Je nach makro- oder mesozyklischer Zielstellung wurden auf der Grundlage bisheriger Erfahrungen von den Trainern vielfältige Formen der Rhythmisierung entwickelt. Für einen Trainingsabschnitt der Konditionierung sind andere Rhythmen in der Belastungsgestaltung als z.B. in der Phase der Leistungsausprägung und -stabilisierung erforderlich.
- Ausschlaggebend für eine leistungswirksame Belastungsgestaltung im Prozeßverlauf sind seitens der Sportler Aufgeschlossenheit, Kenntnisse zu Grundfragen der Trainingsmethodik und anderer Wissenschaftsdisziplinen (z.B. Anatomie, Physiologie, Biomechanik, Psychologie), hohe Leistungsbereitschaft, genaues Beobachten und Registrieren der Reaktionen des Organismus auf die unterschiedlichsten Belastungsreize und eine auf immer höherem Niveau auszuprägende Befähigung zur Eigensteuerung.
2.4.4. Periodisierung und Zyklisierung des Trainings
- In den Schnellkraftsportarten werden durch die internationalen Föderationen die Wettkampfhöhepunkte langfristig terminlich fixiert. Die Ausweitung und Aufwertung des internationalen Wettkampfgeschehens hat zur Folge, daß die Periodisierung und Zyklisierung des Trainings im Jahresverlauf einer kritischen Wertung unterzogen wird. Dieser Prozeß der Anpassung und Erneuerung hält noch an, die bisher gesammelten Erfahrungen sind unterschiedlich, wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse liegen erst in Ansätzen vor.
2.4.4.1. Grundstrukturen der Periodisierung
- Die phasenhafte Entwicklung der sportlichen Leistungsfähigkeit im Verlauf eines Trainingsjahres ist nach Matveev eine wesentliche Grundlage für eine wirksame Periodisierung und zyklische Gestaltung des Ausbildungsprozesses /65; 66/. Die Gesetzmäßigkeiten des Aufbaus, Erhaltes und zeitweiligen Verlustes der sportlichen Form bestimmen maßgeblich die Ziele, Aufgaben und Inhalte des Trainings in einem definierten Zeitraum. Neben dem Einfluß objektiver Faktoren (Lage, Anzahl, zeitlicher Abstand und Bedeutung der Wettkämpfe; Anzahl der Sportler, die auf einen Höhepunkt vorbereitet werden) auf die Herausbildung der sportlichen Leistungsfähigkeit machen Harre und Mitautoren auf den hohen Stellenwert der subjektiven Voraussetzungen aufmerksam /67/.
- Der Grad und das Tempo funktioneller und morphologischer Umstellungen, die Belastungsverträglichkeit und Wiederherstellungsfähigkeit, Trainings- und Wettkampferfahrungen des Sportlers, langfristige Zielorientierungen u.a. müssen systematischer und folgerichtiger für eine wirksame Gestaltung der Periodisierung berücksichtigt werden. Kriterien dafür sind ein individuell ausgewogenes Verhältnis zwischen den Phasen zur Entwicklung der sportlichen Form und ein möglichst geringer Abfall der speziellen Leistungsfähigkeit nach dem Höhepunkt sowie die perspektivische Entwicklung der Sportler.
- Mehrjährige Vergleiche der Rahmenpläne in den Schnellkraftsportarten der einstigen DDR lassen die Hinwendung zur Doppel- oder Mehrfachperiodisierung (Gewichtheben) erkennen. Die Zeitspanne zwischen dem zurückliegenden und dem Höhepunkt des neuen Jahres bestimmte die zeitliche Dauer eines Trainingsjahres für die Auswahlathleten /7; 8; 9; 10; 11; 12/.
- In der Disziplingruppe Wurf/Stoß wurden gute Erfahrungen damit gesammelt, in ausgewählten Jahren leistungsstarke Athletinnen und Athleten nicht an Hallenwettkämpfen teilnehmen zu lassen, um über eine extrem lange 1. VP (mehr als 20 Wochen) günstige Bedingungen für eine deutliche Niveauerhöhung der grundlegenden Voraussetzungen im Sinne von Basisleistungen zu schaffen /10/.
Im Skisprung dagegen bereitete es offensichtlich große Schwierigkeiten, mit mehreren Sportlern sowohl zur Intersporttournee (Jahreswechsel) als auch zum Höhepunkt (OS und WM jeweils im Februar) Siegleistungen und vordere Plazierungen auf Normal- und Großschanze zu realisieren /11/.
- In der Mehrzahl der Schnellkraftkonkurrenzen erlaubte oftmals die aktuelle Leistungssituation - zu geringe Anzahl an gleichwertig leistungsstarken Athleten - noch nicht, durch individuell unterschiedliche und im Mehrjahresverlauf variable Gestaltung der Periodisierung eine weitere kontinuierliche Leistungsentwicklung zu sichern.
2.4.4.2. Zyklische Gestaltung des Trainings im Jahresleistungsaufbau
- Die Makrozyklen oder Vorbereitungsperioden umfassen unterschiedlich lange Zeiträume von etwa 3 bis 6 Monaten Dauer. Sie werden in Phasen oder Abschnitte der Konditionierung und Sicherung der Belastungsverträglichkeit, der Entwicklung grundlegender sowie spezieller Leistungsvoraussetzungen und der Leistungsausprägung unterteilt. Der Leistungsnachweis am Ende des MAZ erfolgt in einem Wettkampf (Gewichtheben) bzw. in einer Wettkampfserie (Leichtathletik, Skisprung) /7; 8; 9; 10; 11; 12/.
- Die MAZ werden in MEZ und diese wiederum in MIZ gegliedert. Gerade auf dieser Ebene muß die Dynamik in der Gestaltung des Trainings bei Beachtung des aktuellen Zustandes der Sportler deutlich werden. Charakteristisch für mittel- und kurzfristige Trainingsabschnitte (MEZ und MIZ) in den Schnellkraftsportarten ist die schwerpunktmäßige Anwendung von Haupttrainingsübungen über definierte Zeiträume. Der Forderung nach zunehmender Spezifik der Trainingsmittel wird mit diesem Vorgehen entsprochen.
- Neue Formen der mikrozyklischen Gestaltung wurden in den leichtathletischen Sprungdisziplinen erprobt und beschrieben /68; 69; 70/. Die ausschließliche Anwendung von Wochen-MIZ in den Sprüngen wurde durch den Einschub längerer Zyklen von 10 bis 14 Tagen Dauer in ausgewählten Abschnitten des Jahresleistungsaufbaus unterbrochen und somit ein dynamischer Wechsel von Belastung und Erholung besonders für das Stütz- und Bindegewebe gewährleistet.
- Bei der erstmaligen Vorbereitung von Athleten auf sportpolitische Höhepunkte, die sich bisher sowohl durch hohe jährliche Zuwachsraten in der Trainingsbelastung als auch in der Leistungsentwicklung auszeichneten, besaß die in den Plänen ausgewiesene Orientierung für die zyklische Gestaltung des Trainingsjahres hohe Sicherheit und Zuverlässigkeit. Der am Ende des 1. MAZ bzw. der 1. VP in Einzelwettkämpfen bzw. einer Wettkampfserie dokumentierte Leistungsnachweis sprach bei Erfüllung der vorgegebenen Zielstellung für ein analoges Vorgehen auch im 2. MAZ bzw. der 2. VP. Es war jedoch zu berücksichtigen, daß für diesen Abschnitt weniger Zeit zur Verfügung stand und ein höheres Ausgangsleistungsniveau vorhanden war als zu Beginn des Trainingsjahres.
- Weitaus komplizierter war dagegen die Vorbereitung von langjährig trainierten und bereits erfolgreichen Sportlern im 2. MAZ. Eine zu große Anzahl war nicht in der Lage, ihre Leistungen im Vergleich zum Abschluß des 1. MAZ deutlich zu steigern. Bei dieser Kategorie von Athleten reichten offensichtlich graduelle Unterschiede in der Trainingsgestaltung zwischen 1. und 2. MAZ allein nicht aus, um den notwendigen Leistungsschub zu garantieren.
- Der Autor vertritt den Standpunkt, daß durch prinzipielle und gravierende Veränderungen in der Gestaltung des Trainings (wechselnde Rhythmik von Belastung und Wiederherstellung; ausgeprägte Akzentuierung der Trainingsinhalte; gezielter Wechsel der Trainingsmittel; Einschub funktioneller Erholungsphasen nach Serien hochbelastender TE) und über experimentelle und prozeßbegleitende Untersuchungen interdisziplinär zusammengesetzter Expertengruppen neue Erkenntnisse zu gewinnen sind.
2.4.4.3. Akzentuierung des Trainings
- In der langfristigen Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 1972 wurde im DSLV der damaligen DDR das Phasentraining eingeführt. In der Nordischen Kombination wurde z.B. zwischen Phasen verstärkten Lauf- bzw. Schanzentrainings differenziert, wobei in Abschnitten forcierter Laufausbildung nie völlig auf das Sprungtraining verzichtet wurde.
- Annähernd zeitgleich gelangten sowjetische und DDR-Spezialisten der leichtathletischen Sprungdisziplinen aufgrund von Erfahrungen, Beobachtungen und gezielten Untersuchungen zu folgender Auffassung: Die Wirksamkeit des Trainings in ausgewählten Abschnitten des Jahresleistungsaufbaus kann durch Konzentration auf Übungen, die in kinemetrischen und/oder dynamometrischen Parametern mit der originalen Wettkampfübung bzw. wichtigen Bewegungsphasen übereinstimmen, erheblich gesteigert werden. Für diese Form des trainingsmethodischen Vorgehens wurde der Begriff Akzentuierung geprägt /54/.
- In den Olympiazyklen nach 1976 wurde die Akzentuierung des Trainings weiter vervollkommnet, von anderen Sportarten übernommen und variiert. Dieser Prozeß ist noch nicht abgeschlossen und läßt folgende Tendenzen erkennen:
- Die Erhöhung der Reizwirksamkeit der Trainingsübungen erfordert bei langjährig trainierten Athleten den zeitweiligen Abbau von Ballastgut und die Hinwendung zur deutlich zunehmenden Spezifik der Mittel, Methoden und Organisationsformen des Trainings;
- Akzentuierung im Training wird sowohl bei der Entwicklung ausgewählter Leistungsfaktoren als auch zur Ausprägung der komplexen Wettkampfleistung angewandt;
- der Ausbau individueller Stärken orientiert auf Akzentverschiebungen bei der Entwicklung der Leistungsfaktoren;
- das Trainieren der originalen Wettkampfübung ist fester Bestandteil aller Ausbildungsetappen im Jahresverlauf:
- die gezielte Anwendung individueller Standards für ausgewählte TE und MIZ verspricht einen höheren Effekt der Akzentuierung.
2.4.4.4. Einordnung von Wettkämpfen in den Jahresleistungsaufbau
- Das überzeugendste und aussagefähigste Verfahren zur Beurteilung der Wirkung des absolvierten Trainings auf die sportliche Leistung ist die Teilnahme an Wettkämpfen in der Spezialdisziplin oder auch in verwandten Konkurrenzen in möglichst allen Etappen des Jahresleistungsaufbaus. Die direkte Auseinandersetzung mit den Rivalen wirkt stimulierend und setzt Potenzen frei, wie sie bei Überprüfungen im Training nicht mobilisiert und ausgeschöpft werden können.
- Der Wettkampf ist nicht nur interindividueller Vergleich, sondern gleichzeitig das effektivste und komplexeste Trainingsmittel. Er löst die höchste Anstrengungsbereitschaft und Mobilisierung aus. Nur im Wettkampf werden die für die weitere Leistungsentwicklung notwendigen Intensitäten bei der Übungsausführung realisiert. Nach relativ kurzer Zeit sind bei einem solchen Vorgehen auf der Grundlage individueller Längsschnittvergleiche konkrete und differenzierte Einschätzungen zum aktuellen Leistungsstand möglich.
- Jede Wettkampfbeteiligung - egal ob unter originalen oder modifizierten Bedingungen - setzt entsprechende Einstellungen und Haltungen der Sportler und ihrer Trainer voraus. Die Motivierung eines Athleten gelingt umso besser, je überzeugender der Trainer die Notwendigkeit und Nützlichkeit direkter Vergleiche in das Bedingungsgefüge von Training, Belastung, Ermüdung, Wiederherstellung, Anpassung und Leistungsentwicklung einordnet und begründet.
- Die Absolvierung von Tests im Rahmen leistungsdiagnostischer Untersuchungen ist ohne Zweifel wichtig. Für eine tiefgründige und komplexe Beurteilung der aktuellen Leistungsfähigkeit sind die Ergebnisse jedoch nur bedingt geeignet. Die Gefahr einer übertriebenen Bewertung von Testergebnissen ist trotz nachgewiesener Verbesserung zur vorhergegangenen Erhebung umso größer, je geringer die Übereinstimmung wesentlicher Parameter der Tests mit der komplexen Wettkampfleistung ist /13; 14; 17/.
- In einer detaillierten und aufschlußreichen Wettkampfanalyse ordnet Grieser am Beispiel aller Olympiasieger von 1988 in der Leichtathletik die Sportlerinnen und Sportler hinsichtlich ihres Leistungsaufbaus für die Freiluftsaison im Olympiajahr vier Gruppen zu /71/.
- Aufbau über zwei getrennte Wettkampfabschnitte. Der Autor bezeichnet diese Form als Normalaufbau, die von zahlreichen Ländern (u.a. USA und ehemalige DDR) angewandt wurde.
- Leistungsaufbau bei stark reduzierter Wettkampfteilnahme (weniger als acht Läufe auf der Spezialstrecke im Sprint bzw. weniger als sechs Starts in technischen Disziplinen). Dieser Gruppe werden außer S. Bubka alle sowjetischen Olympiasieger sowie F. Griffith-Joyner (Kurzsprint), J. Joyner-Kersee (Weitsprung und Siebenkampf)., C. Lewis (Kurzsprint und Weitsprung) - alle USA -, M. Hellmann (Diskus - DDR) und C. Markow (Dreisprung - Bulgarien) zugeordnet.*
- Leistungsaufbau über häufige Teilnahme an Wettkämpfen. Als Beispiele werden u.a. genannt: S. Lewis (USA), der auf seiner Spezialstrecke (400 m) insgesamt 22 Rennen bestritt. R. Kingdom (USA) ging über 110 m Hürden 25 mal an den Start. J. Donkowa (Bulgarien) absolvierte 21 Läufe über 100 m Hürden.
- Leistungsaufbau auf der Grundlage individueller Saisonmodelle. Sportlerinnen und Sportler dieser Gruppe haben über mehrere Jahre annähernd gleichgestaltete Wettkampfzyklen erfolgreich bestritten. Dazu zählen u.a. S. Bubka und S. Litwinow (beide UdSSR) im Stabhochsprung und Hammerwerfen sowie J. Schult (einstige DDR) im Diskuswerfen.
- Im gleichen Beitrag verweist Grieser auf die engen Zusammenhänge zwischen individuellen Saisonausgangs- und Jahresbestleistungen. Erfolgreiche Werfer erreichen bei ihrem ersten Wettkampf im Freien (= Saisonausgangsleistung) mindestens 97 % ihrer späteren Jahresbestleistung. Aus Recherchen unter den 84 Wurfsiegern aller Wettkampfhöhepunkte seit 1971 (EM, WM, OS) ermittelte er lediglich 14 Abweichungen (d. h. nur in 14 Fällen lagen die Saisonausgangsleistungen bei weniger als 97 % der Jahresbestleistung!).
- Nur im Gewichtheben wird sich international und national noch zu wenig auf die Teilnahme an Wettkampfserien bzw. -bündelungen als wirksamer und zuverlässiger Form der Leistungsausprägung und -stabilisierung konzentriert.
- Einheitliche Normvorgaben hinsichtlich der Anzahl der Wettkämpfe im Jahresverlauf, die für alle Schnellkraftsportarten Gültigkeit besitzen, lassen sich nicht ableiten /72/.
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