2.4.1.7. Allgemeine athletische Ausbildung
- Analog der zunehmenden Spezialisierung des Trainings und der damit verbundenen Einengung und Spezifizierung der Mittel erfolgt gleichzeitig eine Akzentverschiebung zur verstärkten athletischen Ausbildung, wobei Vielseitigkeit und Zielgerichtetheit markante Kriterien darstellen. Diese Tendenz ist allgemeingültig und hält weiter an. Die notwendige Steigerung der Belastbarkeit und Belastungsverträglichkeit ist ohne höheres Niveau in den athletischen Grundlagen nicht zu realisieren.
- Das Übungsgut zur Entwicklung und Stabilisierung der athletischen Voraussetzungen ist nahezu unerschöpflich. Im Verlaufe des langfristigen Leistungsaufbaus werden jedoch Schwerpunkte in der Übungsauswahl gesetzt. Die für den aktuellen Trainingszustand wirksamsten Mittel gelangen gezielt zum Einsatz. Dabei ist zu beachten, daß die gleiche Übung z.B. in der Etappe des Aufbautrainings den Status einer Spezialübung, im Hochleistungstraining dagegen aufgrund der völlig unterschiedlichen Ausgangsleistungssituation und der daraus resultierenden Anforderungsstruktur den einer allgemeinen Übung besitzen kann.
- Je höher das Niveau der allgemeinen athletischen Voraussetzungen, umso wirksamer und treffsicherer verlaufen die Anpassungsreaktionen auf spezifische Trainingsreize. Dieser Zusammenhang wird besonders in Phasen der Leistungsausprägung zu einem limitierenden Faktor. Die Leistungsausprägung und -stabilisierung gelingt dann zuverlässig, wenn gleichzeitig zumindest die Erhaltung des Athletikniveaus gesichert ist.
- Trainererfahrungen und Untersuchungen der Forschungsgruppen Sprint/Hürden und Wurf/Stoß der einstigen DDR belegen, daß die Durchsetzung des Prinzips der zunehmenden Spezifik der Trainingsmittel im Jahresverlauf bzw. Mehrjahresaufbau erst dann die angestrebte Wirksamkeit erzielt, wenn parallel dazu gleichzeitig auch an der Niveauerhöhung grundlegender konditioneller und koordinativer Voraussetzungen wie der Maximalkraft, der Bewegungsschnelligkeit oder der Umstellungs- und Anpassungsfähigkeit an veränderte äußere Bedingungen mit allgemeinen Mitteln gearbeitet wird /50; 51; 52; 53/.
- Immer häufiger werden von den besten Athleten in Phasen höchster spezifischer Leistungsausprägung auch persönliche Bestleistungen in allgemeinen athletischen Tests aufgestellt. Dieses Wechselverhältnis und das Wissen über die Ursachen und Zusammenhänge stimulieren zur maximalen Mobilisation und Ausschöpfung aller Reserven in der unmittelbaren Vorbereitung auf bedeutsame Wettkämpfe sowie in den direkten Auseinandersetzungen selbst.
2.4.2. Auswahl und Einsatz von Trainingsübungen
- Folgerichtigkeit und Systematik bei der Auswahl und im schwerpunktmäßigen Einsatz der Trainingsmittel bilden wichtige Grundlagen für einen wirksamen Belastungsaufbau. Reihenfolge und Dauer des akzentuierten Einsatzes von Haupttrainingsübungen resultieren besonders aus dem unterschiedlichen Einfluß der jeweiligen Übungskomplexe auf die Wettkampfleistung sowie der zeitlichen Lage der Belastungsspitze im allgemeinen, Kraft- und speziellen Training und der notwendigen - individuell jedoch unterschiedlichen - Transformationszeit bis zur höchsten Leistungsausprägung /54/.
- Weitgehende Übereinstimmung in allen Schnellkraftsportarten und -disziplinen ist für die Aufeinanderfolge der Hauptkomplexe
- Allgemeines Training
- Krafttraining
- Spezielles Training
im Jahresleistungsaufbau charakteristisch /7; 8; 9; 10; 11; 12/.
- In der nachfolgenden Übersicht 3 wird stark schematisiert versucht, die Wertigkeit des allgemeinen, Maximalkraft- und speziellen Trainings auf die Leistungsentwicklung nach Disziplingruppen bzw. Sportarten zu charakterisieren /38, S. 18/.
2.4.3. Belastung im Training der Schnellkraftsportarten
- Die vermuteten und zum Teil belegten Zusammenhänge zwischen Maß und Qualität der Trainingsbelastung und der Leistungsentwicklung haben dazu beigetragen, daß weltweit der Steigerung der quantitativen Faktoren Trainingszeit und Trainingsumfang als recht zuverlässiger Methode für die Erhöhung der Leistungsfähigkeit eine wichtige Stellung eingeräumt wurde /15; 16; 20; 21/. Dieser Trend hält - wenn auch mit unterschiedlichem Stellenwert in den einzelnen Schnellkraftsportarten - weiter an.
- Eine Ursache für die Aufwertung der quantitativen Faktoren der Belastung ist auf die Schaffung günstiger Voraussetzungen für ein zeitaufwendiges Training in den einzelnen Ländern zurückzuführen. Im gesamten Bedingungsgefüge ist das notwendige höhere Zeitvolumen für ein geregeltes Training relativ unkompliziert zu verwirklichen /20/.
- Die Angaben für international erfolgreiche Sportler hinsichtlich des realisierten Trainings nach Stunden pro Jahr schwanken beträchtlich. Auf gesicherte Durchschnittswerte verweist Osolin /55/. Bis zum Jahre 1931 realisierten in allen Sportarten die führenden sowjetischen Athleten durchschnittlich 200 bis 300 Trainingsstunden im Jahr. In der Etappe von 1951-1965 errreichte der Jahresumfang rund 700 Stunden. Recht erhebliche Steigerungen sind jedoch ab 1969 zu verzeichnen. Bei wöchentlich 10-15 TE werden <193> in einer Reihe von Sportarten 1000-1500 Stunden im Jahr erreicht /55, S. 299/.
- Von Bedeutung für den Belastungsfaktor Trainingszeit sind neben dem aktuellen Leistungsstand, dem bisherigen Tempo der Leistungsentwicklung sowie den physischen und psychischen Voraussetzungen besonders die genetisch determinierten Veranlagungen für hohe Schnelligkeits- und Schnellkraftleistungen. Im Gegensatz zu den Ausdauerfähigkeiten sind besonders die Schnelligkeitsfähigkeiten nur begrenzt trainierbar. Es gilt jedoch auch für die Gruppe der Schnellkraftsportarten die Erkenntnis, daß neben den angeborenen die durch das regelmäßige Training erworbenen Voraussetzungen für die weitere Leistungsentwicklung eine ausschlaggebende Rolle spielen. Die aufgrund ihrer physischen und psychischen Anlagen für bestimmte Sportarten bzw. Disziplinen prädestinierten Sportler tendieren im Zeitvolumen in Richtung eines notwendigen Minimums. Athleten mit weniger günstigen Voraussetzungen sind dagegen eindeutig gezwungen, durch Fleiß und erhöhte zeitliche Aufwendungen genetisch vorprogrammierte Nachteile zu kompensieren, um mit der Leistungsentwicklung Schritt halten zu können. Völlig einleuchtend ist dann, daß Athleten dieser Kategorie den zeitlichen Umfang nach oben offen halten müssen.
- Die Kennziffern für den Trainingsumfang (Addition der gelaufenen Strecken; Anzahl der Übungswiederholungen; Summe der gehobenen Lasten u.a.) wurden in den Rahmenplänen der Sportverbände des DTSB der ehemaligen DDR konkret vorgegeben. Soll-Ist-Vergleiche der Trainingszeit, des Umfanges sowie der Leistungsentwicklung im individuellen Längsschnitt sind für den Erkenntnisgewinn außerordentlich aufschlußreich und vermitteln wertvolle Anregungen für immer wieder neuartige individuelle Lösungen.
- Die qualitativen Belastungsfaktoren Trainingsintensität, Spezifik der Übung und Güte der Bewegungsausführung bestimmen in der Gruppe der Schnellkraftsportarten nachhaltig die Leistungsentwicklung /15; 23; 24/. Zumeist wurde mit diesen Kriterien in allgemein-verbaler Form und weniger mit konkreten Zahlenvorgaben operiert. Bei allen Überlegungen ist zu beachten, daß aus methodologischen Gründen eine isolierte Betrachtung der einzelnen quantitativen und qualitativen Faktoren möglich ist. In praxi wirken sie jedoch immer komplex und repräsentieren die Wirksamkeit der Belastung in ihrer Gesamtheit auf den Sportler.
- Der Autor geht davon aus, daß in der Gruppe der Schnellkraftsportarten weder international noch national die Grenzen der Leistungsfähigkeit noch die der Belastbarkeit und Belastungsverträglichkeit erreicht oder abzusehen sind. Nicht nur die wirksamere Gestaltung des Trainings und der Belastung, sondern auch die Erhöhung der Belastbarkeit durch weitere Belastungssteigerungen sind notwendige Bedingungen für die Verbesserung der sportlichen Leistungen.
- Die über mehrere Olympiazyklen anhaltende Trainingszeit- und Trainingsumfangorientiertheit im ehemaligen DDR-Leistungssport hat maßgeblich die Leistungsentwicklung auch in den Schnellkraftsportarten positiv beeinflußt /15; 16; 20; 24/.
- In den Rahmenplänen der Verbände wurde auf jährliche Steigerungen an Hand erprobter und bewährter Kennziffernvorgaben orientiert. In Anlehnung an die Belastungskonferenz von 1973 war gesichert, Belastungssteigerungen zunehmend komplexer als Einheit von quantitativen und qualitativen Faktoren zu betrachten und zu realisieren /15/.
Einseitige Erhöhungen der Umfänge ohne gleichzeitige Berücksichtigung der qualitativen Aspekte führen nicht zu den angestrebten Leistungsfortschritten! Andererseits darf den immer wieder aufkommenden Auffassungen, Belastungssteigerungen bei erfolgreichen Athleten ausschließlich über die Intensivierung bei reduzierten Umfängen vorzunehmen, nicht zugestimmt werden /21/.
- Trainingszeitanalysen der Wissenschaftlichen Zentren der Verbände lassen erkennen, daß seit etwa 1984 in den Disziplingruppen und Sportarten von den Besten annähernd konstante Werte in Stunden pro Trainingsjahr erreicht werden. Weniger als 1000 Stunden Trainingszeit realisieren leichtathletische Sprinter und Springer, während die Nordisch Kombinierten bis zu 1300 Stunden verbuchen /56; 57; 58; 59; 60; 61/.
- Der Autor betrachtet 900 bis 950 Stunden als zeitliche Mindestgrenze, wobei Größenordnungen von etwa 1400-1500 Stunden für die Zukunft keinesfalls als utopisch anzusehen sind! Besonders die in Phasen der Leistungsausprägung und -stabilisierung notwendigen speziellen Belastungen in teilweise maximalen Intensitätsbereichen erfordern zur Wiederherstellung einer hohen und stabilen Leistungsfähigkeit und -bereitschaft lange Pausen und damit mehr Zeit für jede einzelne Trainingseinheit. In den quantitativen Belastungsfaktor Trainingszeit ist deshalb nicht nur die reine Belastungszeit, sondern auch der Aufwand für aktive und passive Maßnahmen der Erholung und Regenerierung mit einzubeziehen/20/.
2.4.3.1. Methoden der Belastungssteigerung
- Bei Athleten mit Anschlußleistungen an die Weltspitze sowie trainingsjüngeren Sportlern hat sich die Methode der gleichzeitigen Steigerung von wichtigen quantitativen Kennziffern in Größenordnungen zwischen 10-20% (bei einigen Positionen zum Teil noch deutlich darüber) als eine Voraussetzung für die weitere kontinuierliche Leistungsentwicklung bewährt. Erfahrungen verweisen darauf, diese Variante der Belastungssteigerung beizubehalten, solange zwischen der Leistungszielstellung und ihrer Erfüllung hohe Übereinstimmung besteht /21; 62; 63; 64/. Andererseits ist bekannt, daß langjährig trainierte und bei Höhepunkten bereits erfolgreiche Athleten längere verletzungs- oder krankheitsbedingte Ausfälle kompensieren, indem sie in kürzeren Zeiträumen als sonst üblich die disziplinspezifischsten Belastungen in mittleren bis sehr hohen Intensitätsbereichen absolvieren.
- Als wenig wirksam bei älteren und langjährig trainierten Athleten haben sich quantitative Aufstockungen zwischen 3-5% in Hauptbelastungspositionen erwiesen. Positive Erfahrungen wurden jedoch mit gravierenden Steigerungen von 30-50% und mehr in ausgewählten Belastungsbereichen bei jährlich unterschiedlichen Akzentsetzungen gesammelt.
Der Autor ist der Meinung, besonders diese Variante sei in Zukunft weiter zu vervollkommnen und zu verändern, indem die Schwerpunktlegungen noch deutlicher auf den Ausbau individueller Stärken als wirksame Methode zur Reduzierung von Schwachstellen erfolgen müssen. Damit wird auf den engen Zusammenhang zwischen den individuellen leistungsstrukturellen Voraussetzungen und der daraus abzuleitenden individuellen Struktur des Trainings verwiesen.
Durch Kooperation von Trainern, Sportwissenschaftlern verschiedener Disziplinen und Ärzten ist deshalb künftig genauer zu bestimmen, an welchen Positionen die Athleten bereits die Grenzen ihres Leistungsvermögens erreicht und ausgeschöpft haben bzw. wo und wie sie über Belastungsaufstockungen oder abwechslungsreichere Gestaltungsformen noch weiter steigerungsfähig sind.
Es ist auch zu beachten, daß die Wirkung der Belastung auf die Leistung und ihre Entwicklung mit von den Proportionen der Trainingsinhalte und -mittel und den daraus resultierenden Abhängigkeiten bestimmt wird. Gezielter und systematischer ist deshalb eine höhere Wirksamkeit der Belastung über veränderte Proportionen der Trainingsinhalte und -mittel anzustreben. Selbst bei Athleten mit längerer Leistungsstagnation können möglicherweise mit dieser Methode Akzente für weitere Leistungsverbesserungen gesetzt werden /21/.
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