2.4.1.1. Maximalkrafttraining

- In allen Schnellkraftsportarten ist das Maximalkrafttraining ein fest integrierter Trainingsbestandteil. Seine Aufgabe besteht darin, das erforderliche grundlegende Kraftpotential für hohe disziplinspezifische Leistungen zu entwickeln und auszuprägen.

- Hohe mechanische Leistungen bei Absprüngen, Abwürfen, Abstößen, Reißen mit der Scheibenhantel u.a. setzen große Muskelkräfte voraus, die durch ein entsprechendes Maximalkrafttraining zuverlässig zu entwickeln sind. Dabei sind höchste Muskelanspannungen zur Überwindung großer bis maximaler äußerer Bewegungswiderstände (vgl. Trainingsübungen mit der Scheibenhantel) zu realisieren.

Im Gewichtheben ist die Maximalkraft gleichzeitig Strukturelement der Wettkampfleistung. In diesem speziellen Falle ist das Maximalkrafttraining zugleich spezielles Krafttraining /20; 29; 31/.

In einigen Sportarten bzw. Disziplingruppen (vgl. Skisprung, Nordische Kombination, Sprintkonkurrenzen, Sprünge) ist es noch nicht überzeugend genug gelungen, den Stellenwert und Anteil des grundlegenden Kraftpotentials am Zustandekommen hochklassiger spezifischer Wettkampfleistungen detailliert aufzuhellen und begründet Folgerungen für individuell effektive Formen und Mittel seiner methodischen Entwicklung in den Jahreszyklen abzuleiten.

- Wertvolle Anregungen zum Jahresaufbau und besonders zu den Inhalten und der Gestaltung des Krafttrainings insgesamt vermitteln Matveev /34/, Verchosanskij /25/, Verchosanskij und Mitarbeiter /35/ und andere. Die letztgenannten Autoren begründen, daß sich die Belastung erst dann als wirksam erweist, wenn durch entsprechende Auswahl und Reihenfolge der Mittel die im Organismus für das höhere Leistungsniveau notwendigen Anpassungsreaktionen tatsächlich auch ausgelöst werden /35, S. 10-11/.

- Keinesfalls darf zugelassen werden, daß bei zeitweiliger Betonung der sporttechnischen Vervollkommnung zwangsläufig ein Abfall in den Kraftfähigkeiten einhergehen muß. Die Entwicklung der Kraftfähigkeiten und die sporttechnische Vervollkommnung als einheitlicher Prozeß gewährleisten, daß auf dieser Grundlage die angestrebte Leistungsentwicklung auch realisiert werden kann.

2.4.1.2. Schnellkrafttraining

- In der Praxis wird zunehmend besser beachtet, daß zwischen dem Maximalkraft- und dem Schnellkrafttraining nicht immer eindeutig voneinander abzugrenzende Übergänge und demzufolge eine Menge an Mischformen bestehen (vergleichbar etwa mit dem aerob-anaeroben Übergangsbereich im Training der Ausdauersportarten).

- Unter dem Terminus Schnellkraft ist immer der spezifische Krafteinsatz in der betreffenden Wettkampfübung zu verstehen. Die Schnellkraftleistung im Wettkampf wird demnach durch explosiven und maximalen Krafteinsatz in kürzester Zeit bei den durch das Reglement vorgegebenen Bewegungsbedingungen charakterisiert. Diese Bedingungen wiederum beeinflussen hochgradig die sportliche Technik in der jeweiligen Disziplin bzw. Sportart /20; 29; 31/. Bei allen Übungen zur Entwicklung der Schnellkraft müssen diese Zusammenhänge beachtet werden. In der Praxis werden im Schnellkrafttraining drei Kategorien von Übungen angewandt (Gundlach /29/):

- Die originale Wettkampfübung selbst mit wettkampftypischen Krafteinsätzen;

- Übungen mit Konzentration auf die Phase des Hauptkrafteinsatzes (Kugelstoß aus dem Stand; Übungen zur Imitation des Absprunges von der Schanze im Skisprung; Weit- und Hochsprünge aus verkürztem Anlauf usw.);

- Übungen mit Erhöhung der zu beschleunigenden Masse des Körpers oder Gerätes (Würfe und Stöße mit Geräten, die schwerer als das Wettkampfgerät sind; Sprünge mit Gewichtsweste oder Sandsack u.a.).

- Gundlach belegt überzeugend, daß der Krafteinsatz im Wettkampf immer das Produkt aller Funktionssysteme des Sportlers repräsentiert (Bewußtsein; Bewegungssteuerung; energetische Voraussetzungen der Muskeln; mechanische Übertragungseigenschaften des Bewegungsapparates) /24; 30/.

Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dem Willenseinsatz bei der Absolvierung jeder Art von Krafttrainingsübungen ständig hohe Aufmerksamkeit zu widmen.

- Die berechtigte Forderung nach Erhöhung der Spezifik des Trainings im Jahresverlauf wird vorrangig über die zunehmende Einengung des Übungsgutes (= Trainingsmittel) realisiert. Diese Einengung spiegelt sich besonders auffällig in der Gestaltung des Maximal- und Schnellkrafttrainings wider. Im Training der Werfer und Stoßer der ehemaligen DDR wurden z. B. im 3. MEZ noch 8-10 Übungen angewandt. Ab 4. MEZ erfolgt eine drastische Reduzierung auf 2-4 Hauptübungen. Im Speerwerfen sind es das klassische Reißen mit der Scheibenhantel, die Halbkniebeuge und das Werfen schwerer Geräte, deren Masse über der Masse der Wettkampfgeräte (600 bzw. 800 g) liegt /36; 37/.

Die Übersichten 1 und 2 informieren über die in ausgewählten Sportarten bzw. Disziplingruppen typischen Maximal- und Schnellkrafttrainingsübungen /38, S. 25 ff/.

2.4.1.3. Ausdauerkrafttraining

Die Ausdauerkraft besitzt besonders für die Teildisziplin Skilanglauf der Nordischen Kombination sowie für den leichtathletischen Sprint (vor allem 200 m, 400 m, 400 m Hürden) einen hohen Stellenwert. Das Ausdauerkrafttraining verfolgt das Ziel,

... „möglichst große Kraftimpulse im Einzelzyklus der spezifischen Bewegung zu sichern, die in Abhängigkeit von der Wettkampfdauer in hohem Maße von der Ausdauer bestimmt werden“ /29/.

- Dem Erlernen und stabilen Beherrschen der Steuermechanismen für die muskulären Antriebe ist hohe Aufmerksamkeit in Form vieler und sporttechnisch exakt ausgeführter Übungswiederholungen zu widmen.

Ähnlich wie im Schnellkrafttraining sind auch hier die Hauptkrafttrainingsübungen drei Kategorien zuzuordnen /Gundlach/29/:

- Ausdauerkrafttraining in der spezifischen Fortbewegungsart bzw. in einer Simulation der Originalbewegung am Ort mit erhöhten Widerständen (z.B. Training auf dem Laufband);

- Ausdauerkrafttraining in hoher Übereinstimmung bzw. Ähnlichkeit mit der originalen Fortbewegung bzw. wichtigen Phasen derselben (z.B. Cross- und Rollerlauf für Nordisch Kombinierte; Läufe mit wechselseitigen Stockeinsätzen am Anstieg; Doppelstockschieben in der Ebene und am Anstieg; Schlittschuhschritt links und rechts);

- Ausdauerkrafttraining durch Ausführung von Teilbewegungen an speziellen Krafttrainingsgeräten gegen dosierte Widerstände

- Auf der Grundlage von Erfahrungserkenntnissen werden in den Abschnitten des Jahreszyklus die Proportionen sowohl zwischen dem Maximal-, Schnell- und Ausdauerkrafttraining als auch zu anderen Trainingsbestandteilen bzw. -inhalten gestaltet. Dieser ständige „Optimierungsvorgang“ erfordert offensichtlich größeren individuellen Spielraum. Sehr wahrscheinlich sind nur durch längerfristige und aufwendige prozeßbegleitende Untersuchungen die individuellen Optima herauszufinden.

2.4.1.4. Schnelligkeitstraining

- Die Schnelligkeit hat als konditionelle Fähigkeit besonders in den Sprint- und Hürdenkonkurrenzen sowie in den leichtathletischen Sprüngen außerordentlich hohen Einfluß auf die Qualität der sportlichen Leistung. In den genannten Disziplinen muß sich der Sportler durch zyklische Bewegungen sowohl maximal beschleunigen als auch mit maximaler Geschwindigkeit fortbewegen, um ein erstklassiges Resultat zu erzielen.

Auch in allen anderen Schnellkraftsportarten sind Läufe aus dem Hoch- und Tiefstart, Steigerungsläufe, fliegende Sprints u.a. notwendige und fest im Trainingskonzept aller Ausbildungsabschnitte fixierte Trainingsübungen zur Vervollkommnung dieser Fähigkeit.

- Die Geschwindigkeit bei der Ausführung azyklischer Abläufe (vgl. Absprünge, Abwürfe, Ausstoßen der Hantel) ist hochgradig mit der Schnellkraftkomponente verkoppelt. Genauigkeit und Zuverlässigkeit jeder Schnelligkeitsübung korrelieren eng mit dem Niveau und der Stabilität der sportlichen Technik. Die maximalen Bewegungsintensitäten bei jeder Übungsausführung führen jedoch zu rascher zentraler und peripherer Ermüdung. Eine hohe Bewegungsgüte bei maximalen Schnelligkeitsübungen erfordert deshalb gründliche Erwärmung des Sportlers, hohe Willensanspannung und ausreichende Pausen zwischen den Wiederholungen sowie zeitlich ausgedehnte Wiederherstellungsintervalle /39, S. 191/.

2.4.1.5. Spezielles Training

- Der Sammelbegriff „spezielles Training“ in der Gruppe der Schnellkraftsportarten beinhaltet den gesamten Komplex von Trainingsmitteln und -maßnahmen zur Herausbildung und Stabilisierung spezieller konditioneller und koordinativer Fähigkeiten und Fertigkeiten zur immer perfekteren Beherrschung der originalen Wettkampfübungen bei unterschiedlichen äußeren Bedingungen. Beschleunigungsläufe des Sprinters über 60 m aus dem Tiefstart, Sprungkrafttraining des Dreispringers oder Wurfkrafttraining des Diskuswerfers sind demzufolge immer spezielles Training.

- Die seit Jahren berechtigt erhobene Forderung nach Zunahme der Spezifik des Trainings sowohl im Jahres- als auch Mehrjahresleistungsaufbau zielt besonders auf den Komplex des speziellen Trainings ab. Zu warnen ist jedoch vor zu einseitiger Auslegung dieser Orientierung. Die zunehmende Spezifizierung schließt die gezielte Ausrichtung der Mittel des allgemeinen Trainings auf die Wettkampfanforderungen der Spezialdisziplin sowie die Aufwertung der vielseitig zielgerichteten athletischen Ausbildung ein.

2.4.1.6. Sporttechnische Vervollkommnung

- In den zurückliegenden zwei bis drei Olympiazyklen haben Techniktraining und sporttechnische Vervollkommnung als hochrangige Leistungsmerkmale in den Schnellkraftsportarten weltweit beträchtliche Aufwertung erfahren /20; 32; 40; 41; 42; 43/.

- Im Gegensatz zu den technisch-akrobatischen Sportarten, in denen im Prozeß der sportlichen Ausbildung ständig neue Elemente und Übungsverbindungen mit höchsten Schwierigkeiten, ästhetischer Ausstrahlung, attraktiven Effekten auf Kampfrichter und Zuschauer u.a. zu erlernen sind, eignen sich die Schnellkraftsportler die Grobform der Bewegungsabläufe der einzelnen Wettkampfübungen bereits in der Etappe des Grundlagentrainings an. In den Folgeetappen wird die sportliche Technik in Einheit mit der Entwicklung des physischen Potentials ständig verfeinert und vervollkommnet. Ein klassisches Lerntraining, wie es z.B. im Geräteturnen und Eiskunstlauf seit jeher typisch und notwendig ist, hat in der Vergangenheit im Hochleistungstraining der Schnellkraftsportler nicht eine vergleichbare Rolle gespielt.

- Die Entwicklung und erste Erprobung von Meßplätzen mit Möglichkeiten zur Objektivierung biomechanischer Parameter, der maschinellen Verarbeitung der Daten sowie der Schnellinformation von Trainern und Sportlern im Gewichtheben, Skisprung, Wurf/Stoß und Sprung verweist auf neue Wege zur qualitativen Verbesserung des Techniktrainings /44; 45/. Trotz des beträchtlichen gerätetechnischen und personellen Aufwandes deuten sich damit für den Prozeß des motorischen Lernens gravierende Weiterentwicklungen im methodischen Vorgehen an. Die Bemühungen sind deshalb darauf zu richten, in allen Zyklen des Jahresverlaufes ein qualitativ anspruchsvolles Niveau der sporttechnischen Vervollkommnung zu gewährleisten /42; 46/.

Leistungsdiagnostische Untersuchungen verdeutlichen das Auftreten überwunden geglaubter Fehler in Hauptphasen der Bewegungsabläufe, Schwierigkeiten bei der Koordinierung von Ganzkörperbewegungen, unzweckmäßige Krafteinsätze usw. /13; 14; 47/.

Die Ursachen dafür sind unterschiedlicher Art. Zu nennen sind unter anderem

- zu einseitige Konzentration der sporttechnischen Vervollkommnung auf Phasen der Leistungsausprägung;

- Unterschätzung einer gründlichen und niveauvollen Technikschulung in den ersten MEZ eines neuen Trainingsjahres;

- Verzicht auf detailliertes Techniktraining besonders in Abschnitten des Maximalkrafttrainings (als Folge sind oftmals koordinative Störungen beim Übergang zum speziellen Training abzubauen);

- Verzicht auf regelmäßige Objektivierung des aktuellen Standes im Ausprägungsgrad der sportlichen Technik bei Absolvierung der originalen Wettkampfübung;

- Unterschätzung regelmäßiger verbaler Einschätzungen durch den Trainer und den Sportler selbst.

- Gegenüber dem Turnen oder Eiskunstlaufen gestatten jedoch die Regelvorschriften der internationalen Föderationen in den Schnellkraftsportarten nur geringen Spielraum für völlig neuartige sporttechnische Lösungen.

Ähnlich revolutionierende Entwicklungen, wie sie im Jahre 1968 mit der Floptechnik im Hochsprung ausgelöst wurden, sind in Zukunft kaum zu erwarten. Der Experimentierfreudigkeit in einigen Disziplinen der Leichtathletik bzw. im Skisprung wurden in der Vergangenheit relativ schnell mit Präzisierungen der Reglements Grenzen gesetzt. Erinnert wird an dieser Stelle an das Speerwerfen aus einer Umdrehung Mitte der fünfziger Jahre, an die Speere des US-Amerikaners F. Held, die durch veränderte Umfänge und Schwerpunktverlagerungen bei günstigen Abwurf- und Anstellwinkeln aerodynamische Flugeigenschaften aufwiesen, an sehr kleine Hammerköpfe mit Quecksilberfüllung zur Reduzierung des Luftwiderstandes oder an Anzugmodelle der Skispringer mit unterschiedlicher Luftdurchlässigkeit auf der Brust- und Rückenpartie.

- Im Gegensatz zu „neuen“ Sporttechniken in den Schnellkraftsportarten ist jedoch die vollkommenere Gestaltung einzelner Phasen der Bewegungsabläufe als Ergebnis gezielter Untersuchungen (vgl. Anfahrt der Skispringer mit zurückgeführten Armen) oder die Weiterentwicklung der Sportgeräte (vgl. Material der Stäbe im Stabhochsprung) im Rahmen der Regeltoleranzen auch in Zukunft nicht auszuschließen. Neuerungen dieser Art setzen sich schnell spontan durch und verhelfen kaum zu nennenswertem Vorsprung gegenüber den sportlichen Rivalen /48/.

- In Ländern mit hohem Entwicklungsstand der Schnellkraftsportarten werden ernsthafte Anstrengungen unternommen, um in der Qualität und Methodik der sporttechnischen Vervollkommnung ein annähernd gleiches Niveau wie z.B. in der Gestaltung des Maximal- oder Schnellkrafttrainings zu erreichen. Deutliche Fortschritte sind zu verzeichnen, seitdem die Bewegungsabläufe immer überzeugender biomechanisch analysiert und begründet werden. Im Ergebnis entstanden sogenannte Technikmodelle bzw. -leitbilder. Bewegungsabläufe von Weltrekordlern und Spitzenathleten bilden dafür die Bezugsbasis /49/. Durch gezielte Untersuchungen gelingt es zunehmend besser, die individuellen Abweichungen gegenüber dem Leitbild zu erfassen, zulässige Toleranzen zu bestimmen und Folgerungen für eine noch effektivere Trainingsgestaltung abzuleiten.

- Zur Methodik der Fehlerkorrektur im Hochleistungstraining bei Spitzenathleten in den Schnellkraftsportarten gibt es kaum fundierte Untersuchungen. Profilierte Trainer äußern sich in Publikationen zurückhaltend zu dieser Problematik. Den individuellen und empirisch gewonnenen Erfahrungserkenntnissen muß deshalb auch in Zukunft eine wichtige Funktion im Prozeß der sporttechnischen Vervollkommnung zugebilligt werden.


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