2.12. Tanzsport
Ursprung, Geschichte, Verbreitung
Wie bei vielen technisch-akrobatischen Sportarten liegen die Wurzeln des Tanzes in der Frühgeschichte der Menschheit. Belegt sind drei Urformen des Tanzes:
- Zauber- und Beschwörungstänze,
- rhythmisch akzentuierte einfache Arbeitsbewegungen,
- Ausdruckstänze von Freuden, Leiden, Wünschen und Hoffnungen.
Diese Formen wurden bereits mit einfachen Musikinstrumenten oder Gesang begleitet. War der Tanz in der Urgesellschaft und unter dem Joch der Sklaverei noch kultisch gebunden, diente er im antiken Griechenland der körperlichen Ertüchtigung und der Erziehung zu Anmut und Schönheit. Um 1200 bildeten sich der höfische Gesellschaftstanz und die Zunfttänze der Handwerker heraus. Die Gesellschaftstänze, wie wir sie heute kennen, entwickelten sich über mehrere Etappen aus dem Volkstanz. Im Feudalismus waren höfische Tänze wie Menuett, Gavotte, Sarabande und Volta üblich. Nach der französischen Revolution setzten sich bäuerliche Tänze wie zum Beispiel die Quadrille als Gesellschaftstanz der Bürger durch. Danach eroberten Paartänze wie Walzer, Polka, Rheinländer und Galopp die bürgerlichen Salons und Tanzsäle. Später verzichtete man auf die nationale Volksüberlieferung und übernahm neue Tänze, die von der Folklore Nord- und Südamerikas oder Afrikas inspiriert waren und willkürlich verzerrt wurden. Dazu gehören Tango, Onestep, Boston, Blues und Rumba. Außerdem beeinflußten zeitweilig Tänze wie Charleston, Boogie, Rock 'n' Roll und Twist - die sogenannten Modetänze - die Entwicklung des Gesellschaftstanzes.
Der Turniertanz ist die Wettkampfform des Gesellschaftstanzes. Mit der Entwicklung zur Sportart wurden auch Elemente des Schautanzes wirksam, so daß man heute den Gesellschafts- und Schautanz als Grundlage des Turniertanzes betrachten muß.
Die Impulse zur Entwicklung als Sportart kamen aus England. Durch die traditionellen Verbindungen von England zu Norddeutschland entstanden auch Impulse in dieser Region. England und Deutschland sind neben den skandinavischen Ländern auch heute noch führend im Turniertanz.
Beachtenswert ist die gleichzeitige Herausbildung des Amateur- und Profisports.
1909 - 1. WM für Amateure und Professionals
1927 - 1. EM für Amateure
1929 - 1. EM für Professionals
1969 - 1. WM, EM und Europapokale für Allround-Paare (Herausbildung dieser Wettbewerbe auf Grundlage der Trennung in Standard- und Lateinamerikanische Tänze nach dem 2. Weltkrieg)
1965 - 1. EM im Formationstanz
1973 - 1. WM im Formationstanz
1991 - 1. Welt-Ranglisten-Turnier der IDSF
Der internationale Dachverband der Amateure (IDSF) wurde 1957 in Wiesbaden als ICAD (International Council of Amateur Dancers) gegründet. Gegenwärtig sind 37 nationale Organisationen Mitglied des internationalen Verbandes. Die deutschen Amateure werden durch den bereits 1921 gegründeten Deutschen Tanzsportverband (DTV) vertreten.
Die heute im DTV-Turnierprogramm enthaltenen 5 Standard- und 5 Lateinamerikanischen Tänze entstanden in einem Entwicklungszeitraum von etwa 50 Jahren. Während der Langsame Walzer bereits 1927 erstmals zu einer Deutschen Meisterschaft getanzt wurde, wurde der Jive erst 1973 als zehnter und bisher letzter Tanz in das Turnierprogramm aufgenommen. In den weiteren Kapiteln wird ausschließlich auf diese Tänze näher eingegangen werden.
In den letzten Jahrzehnten entwickelten sich daneben noch weitere spezielle Turniertänze. Dazu gehören:
- der Rock'n'Roll,
- der Boogie-Woogie,
- der Gardetanz und
- der Twirling-Sport.
Aus dem Jugendtanz Rock'n'Roll der 50er Jahre entstanden der zu den Lateinamerikanischen Tänzen zählende Jive und der akrobatisierte Rock'n'Roll als eigenständige Turniertänze. Diese differenzierte Entwicklung führte 1975 zur Gründung des Deutschen Rock'n'Roll-Verbandes (DRRV), der 1983 als Fachverband in den DTV aufgenommen wurde. In jüngster Zeit führte die zunehmende Akrobatisierung des Rock'n'Roll zur Wiederentdeckung des ohne diese hohen Schwierigkeitsgrade auskommenden Boogie-Woogie und seiner Entwicklung zum Turniertanz in Rahmen des DRRV.
Der Gardetanzsport ist die sportliche Form der Tänze der Karnevalsgarden, der dementsprechend auch ganzjährig ausgeübt wird. Diese Sportler sind im Deutschen Verband für Gardetanzsport (DVG) organisiert, der 1987 als Fachverband in den DTV aufgenommen wurde.
Der Twirling-Sport entwickelte sich in Deutschland aus dem Tanz der Majoretten mit dem Bâton, dem metallischen Wirbelstab. Das Drehen (engl. twirling) des Stabes als akrobatische Leistung ist mit der tänzerischen Leistung kompositorisch zu verbinden. Der Deutsche Twirling-Sport-Verband (DTSV) wurde 1980 als erster Fachverband mit besonderer Aufgabenstellung dem DTV angegliedert.
Wettkämpfe und Regeln
Folgende Wettbewerbe werden ausgetragen:
- Standardtänze: Langsamer Walzer (English Waltz), Tango, Wiener Walzer, Slow Foxtrot (Slowfox, Langsamer Foxtrott) und Quickstep (Quick).
- Lateinamerikanische Tänze: Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba, Paso doble und Jive).
- Kombination bzw. Allround (alle 5 Standard- und 5 Lateinamerikanischen Tänze).
- Formationswettbewerbe für 6 oder 8 Paare, getrennt nach Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen.
In den unteren Leistungsklassen werden (abhängig von den Turnierordnungen) nur ausgewählte Tänze gezeigt.
Die Dauer jedes Tanzes beträgt bei den Einzelwettbewerben 1.5 bis 2 Minuten (Wiener Walzer und Jive nur 1 bis 1.5 Minuten). Die Gesamtdauer bei den Formationstänzen ist mit 3 bis 4.5 Minuten festgelegt.
Die Turnierpaare werden in Leistungsklassen (Startklassen) eingeteilt, die außerdem noch altersabhängig sind. In jeder Klasse werden unterschiedlich schwierige Programme gezeigt. Für die unteren Leistungsklassen (C bis E) gibt es eine Figurenbeschränkung (Figurenkatalog). Werden eine vorgegebene Anzahl von Punkten sowie bestimmte Finalplazierungen bei aufstiegsberechtigten Turnieren erreicht, steigen die Paare in die nächsthöhere Leistungsklasse auf. Die höchste Leistungsklasse ist die internationale Sonderklasse.
Die Tanzfläche muß bei nationalen und internationalen Meisterschaften mindestens 240 m2 (mind. 13 m Seitenlänge), bei allen vom DTV-Präsidium ausgeschriebenen sonstigen Turnieren mindestens 180 m2 (mind. 12 m Seitenlänge) und bei allen sonstigen Meisterschaften und Offenen Turnieren mindestens 80 m2 (mind. 7 m Seitenlänge) betragen.
Die Turnierkleidung für die A- und Sonderklasse ist wie folgt vorgeschrieben:
- Standardtänze: Frack und großes Turnierkleid.
- Lateinamerikanische Tänze: Lateinanzug und stilgerechtes Turnierkleid.
- Formationen: einheitliche Kleidung.
Bewertet wird in Vor-, Zwischen- und Endrunden durch fünf, bei nationalen und internationalen Meisterschaftenn durch sieben lizenzierte Wertungsrichter. Einer Turnierleitung ist die Oberaufsicht übertragen. Sie kontrolliert auch die Einhaltung der Dauer und Tempi der einzelnen Tänze. In einer Runde tanzen maximal sieben Paare.
Bewertet werden:
1. Rhythmus (Takt und Grundrhythmus).
2. Charakteristik (Tanzhaltung, dem Tanz adäquate Bewegungsabläufe).
3. Technik (Fuß- und Beinarbeit, Körperbewegungen, Körperlinien).
4. Ausdruck (Rhythmische Gestaltung, Tänzerische Darstellung).
Laut Wertungsrichtlinien ist der Schwierigkeitsgrad ... im Grundsatz kein Wertungsgebiet. Dennoch entstehen durch die Festlegung, daß in den unteren Leistungsklassen kompliziertere Figuren nicht erlaubt sind, Schwierigkeitsgrade.
Die bessere Leistung ist an der rhythmischen und bewegungstechnischen Ausführung des Tanzes zu bemessen. Die Bewertung erfolgt in der Reihenfolge der Wertungsgebiete; d.h. Fehler im Rhythmus wiegen z.B. schwerer als Fehler in der Charakteristik. Die Wertungsteilgebiete sind innerhalb ihres Wertungsgebietes gleichgestellt. Ermittelt wird der Rangplatz der Paare.
Training
Das Training untergliedert sich in
- die tanztechnische Ausbildung: Erlernen und Vervollkommnen der Grundschritte, Figuren und Körperlinien;
- die Ausbildung koordinativer Leistungsvoraussetzungen, besonders die Ausprägung der Orientierung auf der Tanzfläche in Relation zu anderen Paaren und die daraus bei Bedarf erforderliche schnelle Umstellung auf tanztechnische Varianten;
- tanzspezifische konditionelle Ausbildung: Erwerb der Leistungsvoraussetzungen für spezielle Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer (auch der Ausdauer für ein Turnier);
- die kompositorisch/choreographische Ausbildung: Gestaltung des Tanzes, Übereinstimmung von Musik und Bewegung, Rhythmik und Interpretation.
Die Besonderheit des Tanztrainings besteht darin, daß zwar einzelne Ausbildungsaspekte Schwerpunkt in einer Trainingseinheit sind, dennoch die anderen Ausbildungsinhalte stets mittrainiert werden. Das Turniertanztraining hat also stets den Charakter und das Ziel der Mehrfachwirkung mit dem Grundtenor Übereinstimmung der Bewegungen des Paares/der Formation. Die Turniere sind über das gesamte Jahr verteilt. Eine mit anderen Sportarten vergleichbare Periodisierung ist deshalb schwierig zu realisieren. Die Verteilung von Entwicklungsaufgaben über längere Zeitabschnitte wird durch die Turniere und Aufstiegswettbewerbe bestimmt. Da die Turnierhäufigkeit groß ist, sind die Turniere selbst Trainingsmittel zur Entwicklung der komplexen Leistung.
Anschrift der Verbände
Deutscher Tanzsportverband
Geschäftsstelle:
Robert-Koch-Str. 1-3
63263 Neu-Isenburg
Tel.: 0 61 02/3 39 31
Fax: 0 61 02/3 39 14
International Dance Sport
Federation (IDSF)
Geschäftsstelle:
c/o Rud. Baumann
Im Hungerbuel 2
8614 Bertschikon
Schweiz
Tel.: 00411/9351973
00411/8301033
Fax: 00411/8301543
Literatur
(siehe auch neue Literaturhinweise im IAT-Literaturservice)
Stuber,H. u. U.(Hrsg): Wörterbuch des Tanzsports. München 1991.
Tanzspiegel (DTV-Verbandsorgan). Neu-Isenburg.
Turnier- und Sportordnung des Deutschen Tanzsportverbandes e.V. 1990.
Wertungsrichtlinien für Tanzsportturniere im Deutschen Tanzportverband. Neu-Isenburg 1990.
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