2.11. Taekwondo

Historisches und aktueller Stand

Taekwondo ist eine Kampfsportart/Kampfkunst mit mehr als zweitausendjähriger Tradition, die als Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung wahrscheinlich in Korea entstanden ist. In diesem Sinne ist Taekwondo eine alte Volkssportart, bekam aber später große Bedeutung auch in der Ausbildung und im Kampf der Soldaten verschiedener koreanischer Feudalreiche (erstmals: Koguryu-Dynastie, etwa 37 v. Chr.). Sowohl als waffenlose Selbstverteidigung für das gesamte koreanische Volk wie auch als Bestandteil der militärischen Ausbildung der Streitkräfte, behielt das Taekwondo über die Jahrhunderte wechselnde Bedeutung im Lande. Zeitweise war Taekwondo sehr wichtig für die Ausbildung der Söhne der koreanischen Elitefamilien.

Während und nach dem II. Weltkrieg (japanische Besatzung) intensivierten patriotische Kräfte die Förderung des Taekwondo auf dem gesamten nationalen Territorium und seit der 2. Hälfte der 60er Jahre verstärkt auch im internationalen Maßstab. Im Ergebnis dieser Bemühungen fanden sich schnell viele Interessenten und Freunde dieser Sportart auf allen Kontinenten. Im Zusammenhang mit dem stürmischen ökonomischen Aufschwung Südkoreas in den 70er und 80er Jahren konnte diese Entwicklung verstärkt und beschleunigt werden.

Aufgrund der sehr attraktiven Kampfesführung (stark medienwirksam), der gut abgestuften alters- und leistungsgerechten Zugänglichkeit für Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, der allgemeinen Aufgeschlossenheit für fernöstliche Kampfkünste in Europa und den USA sowie einer über viele Jahre energisch und geschickt geführten Werbekampagne verbreitete sich Taekwondo bis zum Ende der 80er Jahre über die gesamte Welt und ist heute in etwa 120 Ländern (bei geschätzten ca. 20 Mio. aktiven Sportlern) eine organisierte Wettkampfsportart. Hauptinitiator und -motor der gesamten Bewegung ist die World Taekwondo Federation (WTF), die 1973 gegründet wurde (Präsident: Herr Dr. Un Yong Kim, Südkorea, Mitglied des Exekutiv-Büros des Internationalen Olympischen Komitees und anderer wichtiger Sportgremien) und ihren Sitz im 1972 eingeweihten sog. Kukkiwon in Seoul hat, einem modern ausgestatteten Trainings-, Wettkampf-und Tagungsgebäudekomplex. Daneben besteht noch die von Nordkorea beeinflußte International Taekwondo Federation (ITF), die die Entwicklung dieser Sportart vor allem in einigen osteuropäischen Ländern beeinflußt hat. Leider sind die teilweise voneinander abweichenden Regelwerke und Wettkampfvorschriften oft in wenig koordinierter Art und Weise in Gebrauch, was die Abwicklung des internationalen Wettkampfgeschehens erschwert (z. B. auch durch unterschiedliche Kampfrichterausbildung).

An den ersten Weltmeisterschaften (1973, Seoul, Südkorea), die für Männer und Frauen stattfanden, nahmen Sportler aus 19 Ländern teil. Die ersten Europameisterschaften fanden 1976 in Barcelona statt. 1980 wurden die WTF und damit die Sportart Taekwondo durch das IOC offiziell als eigenständige und damit selbständige Sportart anerkannt. Zu den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul fand während der Eröffnungsveranstaltung eine stark beachete Taekwondo-Show statt. Im Rahmen eines offiziell im Olympia-Programm enthaltenen Demonstrationswettkampfes wurden entsprechend dem Regelwerk der WTF in je acht Gewichtsklassen bei Frauen und Männern Olympiasieger ermittelt. In Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele 1992 in Barcelona unterzeichnete der Präsident der WTF, Dr. Un Yong Kim, eine Vereinbarung mit dem COOB '92 (Organisationskomitee der Olympischen Sommerspiele von Barcelona 1992), welche die Eingliederung des Taekwondo in das Olympische Programm zum zweiten Mal hintereinander als Demonstrationswettkampf sichert. Die nationalen Taekwondo-Verbände, darunter die Deutsche Taekwondo Union e. V. (Mitglied des DSB) als Interessenvertreter ihrer Sportler, den Taekwondoin, die kontinentalen Verbände Asiens, Amerikas, Afrikas und Europas sowie die WTF selbst unternehmen weiterhin Anstrengungen zur ständigen Eingliederung der Sportart in das Olympische Programm.

Wettkampfformen/Erscheinungsbild

„Tae“ bedeutet soviel wie Springen, Stoßen, Schlagen mit den Füßen, „Kwon“ steht für den Kampf mit der Faust und „Do“ bezeichnet den Weg, das Ziel und die geistige und moralische Haltung in Training und Wettkampf, sowohl sich selbst als auch dem Gegner gegenüber (Fairneß und Wille zum Sieg).

Taekwondoin tragen eine weiße, judoähnliche, jedoch speziell angefertigte traditionelle Wettkampfkleidung (Taekwondo-Dobok) ohne Schuhe, eine Schutzkappe, eine Schutzweste sowie Unterarm- und Schienbeinschützer und einen Tiefschutz (für Frauen freigestellt). Die Wettkampffläche mißt 12 x 12 m (glatter, federnder Holzboden, ohne Matte), darauf wird die Kampffläche mit 8 m x 8 m gekennzeichnet. Die Kampfzeit beträgt normalerweise 3 mal 3 Minuten mit 2 x je einer Minute Pause. Verkürzungen (entsprechend den offiziellen Wettkampfbestimmungen) auf minimal 3 mal je 2 Minuten mit 2 x je 0,5 Minuten Pause sind unter besonderen Bedingungen (Einschätzung durch das Kampfgericht) möglich. Nach den alten Durchführungsregeln mußten Tritt und Schlag knapp vor dem Körper (ca. 5 cm) gestoppt werden. Heute ist der Taekwondo-Wettkampf ein Vollkontakt-Sport, bei dem Treffer am Kopf und an der Vorderseite des Oberkörpers gewertet werden. Geschlagen werden darf mit allen Teilen des Fußes und mit der Faustvorderseite. Schläge und Tritte aus dem Sprung und aus Drehungen sind erlaubt (und machen den Wettkampf für den Zuschauer attraktiv), aber Kopftreffer mit der Faust sind verboten. Ein Punkt wird von den Kampfrichtern, einem Kampfleiter, vier Punktrichtern und der Jury nur gegeben, wenn der Getroffene deutliche Schlagwirkung zeigt. Möglich und üblich sind auch Wettkämpfe in taekwondo-typischen standardisierten Bewegungsfolgen („Poomse“, „Hyong“), die bisher (Stand vom Mai 1990) nur im Rahmen der Landesverbände ähnlich einer Pflicht und Kür im Eiskunstlauf oder Geräteturnen und ohne Gegnerbeteiligung durchgeführt wurden (Punktwertung: max. 6 Punkte). Die Durchführung von Europa- und Weltmeisterschaften auch in diesen Wettkampfformen wird vorbereitet und kann die Sportart noch attraktiver, jedoch in der Durchführung auch viel aufwendiger machen (Es werden entsprechend den gültigen Wettkampfregeln pro Wettkampffläche 7 Punktrichter und 1 Fehler-Richter benötigt). Für die einzelnen Kup-und Dangrade (s. u.) sind Mindestschwierigkeiten festgelegt, die in der Wettkampfordnung detailliert beschrieben werden.

Wettkämpfe und Meisterschaften finden als Einzel-und Mannschaftswettkämpfe statt.

Nach den Wettkampfregeln der ITF sind auch sog. Leichtkontakt-Wettkämpfe möglich und werden teilweise auch im Bereich von Landesverbänden durchgeführt, die Vollmitglieder der WTF sind. Es gibt ständige Bemühungen um eine eindeutige Bereinigung und Vereinheitlichung der Wettkampfbestimmungen, damit auch die Aus-und Weiterbildung von Übungsleitern, Trainern, Kampfrichtern und Prüfern streng nach einheitlichen Kriterien erfolgen kann.

Kampfgerichte: Vorsitzender 1 bis 2 Personen

Kampfleiter 1 Person

Punktrichter 2 o. 4 Personen

Zeitnehmer 1 bis 2 Personen

Listenführer 1 bis 2 Personen

Gewichtsprüfer 2 bis 4 Personen

Protokollführer 1 Person

Die 16 Standardkommandos werden in koreanischer Sprache erteilt und durch Gesten der Kampfrichter unterstützt, die eine standardisierte Bedeutung haben.

Graduierungen und Gewichtsklassen

Die technisch-taktischen Fähigkeiten der Taekwondoin werden durch weiße, farbige und schwarze Gürtel dokumentiert, die die 10. bis 1. Kup-Graduierung und den 1. bis 6. Dan-Grad (Kup-Grade - Schüler; Dan-Grade = Meister) kennzeichnen. Bei der Zuerkennung der höheren Dangrade stehen die Befähigungen als Lehrer/Trainer und als Kampfrichter für die Bewertung im Vordergrund.

Die Vergabe von Kup- und Dan-Graduierungen berechtigt den Sportler nicht automatisch zur Ausübung einer Übungsleiter- oder Trainertätigkeit. Die entsprechenden Lizenzen sind in zusätzlichen Prüfungen zu erwerben (s. u.).

Für Junioren (ab 18 - 21 Jahre) und Senioren (ab 21 Jahre) sowie für Damen (ab 18 Jahre) sind je 8 Gewichtsklassen festgelegt:

Junioren/Senioren Damen

1. Nadelgewicht bis 50 kg bis 43 kg

2. Fliegengewicht 50 bis 54 kg 43 bis 47 kg

3. Bantamgewicht 54 bis 58 kg 47 bis 51 kg

4. Federgewicht 58 bis 64 kg 51 bis 55 kg

5. Leichtgewicht 64 bis 70 kg 55 bis 60 kg

6. Weltergewicht 70 bis 76 kg 60 bis 65 kg

7. Mittelgewicht 76 bis 83 kg 65 bis 70 kg

8. Schwergewicht über 83 kg über 70 kg

Übungsleiter, Trainer, Kampfrichter und Prüfer im Taekwondo

In Anlehnung an die entsprechenden Bestimmungen der WTF verlangt die Prüfungsordnung der Deutschen Taekwondo Union ebenso wie ähnliche Ordnungen anderer nationaler Mitgliedsverbände für jeden dieser Personenkreise fest umschriebene Kenntnisse bzw. Fähigkeiten, die in entsprechenden Prüfungen nachzuweisen sind. Die Bewerber müssen ein bestimmtes Mindestalter haben und sind zur Ausübung der jeweiligen Funktionen erst nach Erhalt der Lizenz berechtigt. Voraussetzung für die Ausbildung zum Trainer (Lizenzen B und A) ist der Besitz der Fachübungsleiterlizenz. Vom Trainer wird ein umfangreiches Wissen in einer Vielzahl von Sportwissenschaften (Biologie, Sportmedizin, Sportpädagogik und -psychologie, Bewegungslehre, Trainingsmethodik, Fähigkeiten in Angelegenheiten der Verwaltung und Organisation, sportrelevante Gesetzgebung) verlangt.

Ziele des sportlichen Taekwondo

Sportliche Qualifikation

Entsprechend der festgelegten Prüfungsordnung können vom Sportler nacheinander immer höhere Kup- und Dan-Graduierungen im Rahmen offizieller Prüfungen erworben werden. Das Überspringen einer Graduierung ist nur in ganz besonderen Ausnahmefällen möglich. Mindestalter und geringstmöglicher zeitlicher Abstand zwischen den Prüfungen sowie die Prüfungsanforderungen sind genau festgelegt. Außer der Demonstration von Pflichtübungen gehören dazu Theorie, Sparring, Selbstverteidigung, Bruchtests und bei den höheren Dan-Graden Erste Hilfe und Trainingsmethodik sowie der Besitz der Kampfrichterlizenz.

Wettkampferfolge

Entsprechend der jeweiligen Ausschreibung und dem erreichten Grad der sportlichen Qualifikation ist die Teilnahme an Einzel-und Mannschaftsmeisterschaften auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene mit der Orientierung auf Sieg- oder Medaillenleistungen möglich und insofern Motivation für das Training sowie eine sportgerechte Lebens- und Verhaltensweise.

Körperliche Fitneß und allgemeine Leistungsfähigkeit

Die Bewegungsstruktur des Taekwondo und die Ansprüche an die Exaktheit und den typischen Rhythmus der Bewegungen erfordert für das Training den umfassenden Einsatz vieler körperlicher und geistiger Komponenten. Gefördert werden wichtige physische Eigenschaften wie Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit/Elastizität, Sprungkraft, Bewegungsgenauigkeit u. a., aber auch Fähigkeiten wie Beharrlichkeit, Koordinationsvermögen, Zielstrebigkeit, Antizipation, Urteilsvermögen, Reaktionsschnelligkeit u. a. Das Taekwondo vermittelt moralische Werte wie Fairneß, Selbstbeherrschung und Achtung vor der Leistung anderer. Kurz zusammengefaßt: Taekwondo ist hervorragend dafür geeignet, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung leistungsfähiger, selbstbewußter Menschen zu leisten, die angsichts von Schwierigkeiten nicht aufgeben.

Die Sportart ist deshalb auch für Freizeitsportler ohne Wettkampf-und Medaillenambitionen als Mittel zur Vervollkommnung der Persönlichkeit in ihrer Einheit von physischen, psychischen und moralischen Qualitäten zu empfehlen.

Taekwondo und moderne Sportwissenschaft

Wissenschaftliche Forschungen zum Taekwondo und seinem Umfeld sind bisher in der internationalen Fachpresse nur sehr spärlich publiziert und - zumindest in den USA, der UdSSR und in Europa - wohl auch nur selten und nie systematisch betrieben worden. Die Trainingsmethodik folgt vor allem traditionell entstandenen Gepflogenheiten und empirisch begründeten Erkenntnissen. Die meisten Autoren orientieren sich an den überlieferten Trainingskonzeptionen und -strukturen. Aufgrund eines Vergleichs mit Sportarten, die ein ähnliches Erscheinungsbild haben (z. B. Karate, Thai-Boxen, Boxe Francaise, Kick-Boxen) und unter Berücksichtigung der typischen Qualifizierungs-, Trainings-, Wettkampf- und Leistungsstruktur des Taekwondo mit ihren auf den gesamten Körper und die Entwicklung wertvoller Charaktereigenschaften gerichteten Anforderungen ist schlußzufolgern, daß Taekwondo ebenso förderungswürdig ist wie die seit langem etablierten Zweikampfsportarten des Olympischen Programms. Eine solche Feststellung kann jedoch gegenwärtig noch nicht durch spezielle sportartorientierte Forschungsergebnisse aus der Sportmedizin, der Physiologie, der Neurophysiologie, der Biomechanik, Sportpädagogik und -psychologie, der Trainingswissenschaft sowie der vielen anderen Teile der Sportwissenschaft seriös untermauert werden. Hier ist die wissenschaftliche Forschung für die Zukunft gefordert.

Anschrift der Verbände

Deutsche Taekwondo Union

Geschäftsstelle:

Georg-Brauchle-Ring 93

Postfach 500120

80335 München 50

World Taekwondo Federation (WTF)

Geschäftsstelle:

635 Yuksamdong

Kangnamku

Seoul, Korea (135)

Tel.: 0 08 22/5 66 25 05

Tlx: 08 22/5 57 54 46

Fax: 0 08 22/5 53 47 28

European Taekwondo Union (ETU)

c/o Luc Sougné

215/83 Av.de l'Observatoire

4000 Liège

Belgien

Tel.: 00 32 41/58 28 23

Tlx: 2 88 70 WTFED K

Literatur

(siehe auch neue Literaturhinweise im IAT-Literaturservice)

Dolin, A. u. a.: Kempo: Die Kunst des Kampfes. Berlin 1989 (Sportverlag).

Gil, K.: Taekwondo, Koreanischer Kampfsport. Niedernhausen 1987.

Peters, W.: Moderner Kampfsport Taekwondo. Dortmund 1985.

Regelwerk der Deutschen Taekwondo Union e.V.: Stand vom April 1990.München 1990 (Hrsg. DTU).

WTF News Letter: mehrere Ausgaben seit 1987.


Copyright © 1996 by Peter Casper, VWM Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Die Texte und Grafiken aus dem Kompendium sind urheberrechtlich geschützt und werden für einen begrenzten Zeitraum nur zur Ansicht zur Verfügung gestellt. Speichern, Ausdrucken, Kopieren oder Verbreiten der Texte ist ausdrücklich untersagt.