1.5. Bob- und Rodelsport

Grundidee und Bedeutung

Die Disziplinen des Schlittensports verfolgen das sportliche Ziel, mittels eines schlittenähnlichen Gerätes eine vorgegebene Strecke schnellstmöglich zu durchfahren. Die Disziplinen unterscheiden sich im Hinblick auf die Art des Sportgerätes (Bob, Rodel), der zu befahrenden Strecken (Naturbahnen, Kunstbahnen) sowie der angewandten Fahrtechnik (Lage, Sitz). Beim Schlittensport kommt es darauf an, durch die präzise Steuerung des Sportgerätes und die Nutzung natürlicher Faktoren (Flieh-, Reibungs-, Luftwiderstandskräfte) ein streckenangepaßtes Fahrverhalten zu erzielen. Sportler und Schlitten sollten dabei eine untrennbare Einheit bilden.

Der Schlittensport gehört zu den fahrtechnischen Rennsportarten. Seine Ausübung verlangt Kraft, feinmotorische Steuerungs- und Gleichgewichtsfähigkeiten sowie Mut bei der Bewältigung von Risikosituationen. Auch beim volkstümlichen Betreiben des Schlittensports in der winterlichen Natur werden somit persönlichkeitsfördernde Prozesse angesprochen, die insbesondere die Emotionalität und Entscheidungsfreudigkeit betreffen.

Geschichte und Ursprung

Bis zur Entwicklung des Schlittensports zu einer echten Rennsportart vergingen viele Jahre. Kulturgeschichtlich gehört der Schlitten zu den ältesten Gerätschaften. Die Menschen nutzten seine Gleitfähigkeiten zum Fortbewegen schwerer Lasten und für das eigene schnellere Vorwärtskommen. So wurden beispielsweise bereits im antiken Ägypten schlittenähnliche Geräte als Schleif- bzw. Transportmittel für die Beförderung von Lasten monumentalen Ausmaßes genutzt.

In der Entwicklungsgeschichte des Schlittens finden sich in Chroniken der Jahre 1480 (Norwegen) sowie 1520 (Erzgebirge) Hinweise auf das Schlittenfahren. Jedoch können erst die schweren Zugschlitten der Holzknechte (Hörnerschlitten) und Kinderschlitten in den Gebirgsgegenden ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Vorlage für den späteren Schlittenbau zum Zwecke des Spielens und Sporttreibens aufgefaßt werden.

Im 18. Jahrhundert kann man von der ersten sportlichen Verwendung des Schlittens sprechen. Der 12.3.1883 wird als die Geburtsstunde des Rodelsports genannt. Zu diesem Zeitpunkt fand auf der Strecke Davos - Klosters das erste „Wettschlitteln“ statt. Rodel aus verschiedenartigen Materialien (Holz, Stahl) und Konstruktionen entstanden.

Exakte Daten über den Anfang des Bobsports liegen nicht vor. Es scheint jedoch festzustehen, daß der Engländer Wilson Smith als Erfinder des Bobfahrens gilt. Er koppelte im Winter 1888 zwei kleine Schlitten mit Schnüren und einem Brett zusammen. Besonders in schweizerischen Gebirgsorten fand in den Folgejahren das Bobfahren unter begüterten Kurgästen und Einwohnern großen Anklang. Es wurde größtenteils auf öffentlichen Straßen gefahren. Verkehrsbehinderungen und Unfälle blieben nicht aus. Deshalb entstand 1903 die erste Bobbahn der Welt zwischen St. Moritz und Celerina.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm der Bob- und Rodelsport auch in Deutschland und Österreich einen großen Aufschwung. Zahlreiche Vereine und regionale Verbände wurden gegründet und Meisterschaften ausgetragen. Noch vor dem 1. Weltkrieg wurde am 8.11.1913 in Dresden der Internationale Schlittensport- Verband (ISV) ins Leben gerufen. Die Jahre 1920 bis 1925 waren geprägt durch die Konstituierung neuer Sportorganisationen, so u.a. des Internationalen Bobsportverbandes (FIBT=Fédération Internationale de Bobsleigh et de Tobogganing, gegründet 1923 in Paris) und durch eine weitere Verbesserung der Sportgeräte und Sportstätten. Der Schlittensport wurde zur Rennsportart.

Bis zum Jahr 1954 war der Rodelsport der FIBT angegliedert. Danach organisierten sich die nationalen Verbände in einer eigenständigen internationalen Föderation (FIL=Fédération Internationale de Luge de Course).

Olympische Wettbewerbe im Bobsport fanden seit 1924 statt. Erst 1964 erfolgte die Aufnahme des Rodelsports in das olympische Programm.

Wettbewerbe, Regeln und Ausrüstung

Der Schlittensport* läßt sich in nachfolgende 4 Bereiche unterteilen: Bobsport, Rodelsport, Skeletonsport und Naturbahnsport.

Während es zum Bob- und Rodelsport ein entwickeltes internationales Wettkampfsystem für Senioren und Junioren gibt, haben sich der Skeleton- und Naturbahnsport erst in den letzten Jahren stärker etabliert.

Typisch für den Skeletonsport, welcher auch auf Kunsteisbahnen ausgeübt wird, ist die Bauchlage (talwärts) des Sportlers auf dem Schlitten. Gelenkt wird vornehmlich mit den Füßen durch Direktkontakt mit dem Eis und durch starke Körpergewichtsverlagerungen.

Der Naturbahnsport könnte durchaus als Ursprung des Rodelsports angesehen werden. Auch im internationalen Maßstab werden große Anstrengungen unternommen (Bahnbau, Kampfrichterwesen), um diesen Bereich des Schlittensports stärker zu verbreiten. Charakteristikum des Naturbahnsports ist die Nutzung natürlicher Eis- und Schneebedingungen und die Anwendung von zum Teil traditionellen Lenktechniken (Fußeinsatz, Wischtechnik mit der Hand). Typisch für diesen Sport sind liegende und mitunter aufgerichtete Körperhaltungen.

Der Rodelsport als Rennsport wird geprägt durch künstlich angelegte Bahnen. Davon sind einige künstlich vereisbar und somit weitaus weniger vom Wettereinfluß abhängig als Natureisbahnen. Die Techniken des Rodelsports haben sich auch mit der Entwicklung der Sportgeräte zunehmend verfeinert. Heute gehören zum Rodelsport extrem flache Fahrhaltungen und minimale Lenkeinsätze durch Beindruck und Oberkörperverlagerungen. Es werden Einsitzer- (Damen und Herren) und Doppelsitzer-Wettbewerbe (Herren) ausgetragen. Bei Territorialmeisterschaften werden zumeist auch Mannschaftswertungen vorgenommen. Für diesen Wettbewerb ist aus jeder Disziplin (Einsitzer der Damen und Herren sowie Doppelsitzer der Herren nur ein Starter zugelassen. Für die Spitzensportler der Allgemeinen Klasse werden jährlich Weltcup-Rennen ausgetragen. Der jeweilige Gesamtsieger wird aus einer Wettkampfserie auf verschiedenen internationalen Bahnen ermittelt. In der Juniorenklasse findet unter annähernd gleichen Zielsetzungen ein Nationencup statt, der in der Regel aus 6 internationalen Rennen besteht. Je nach Art des Wettkampfs können bis zu vier Rennläufe darunter auch Nachtläufe gefahren werden. Startreihenfolgen werden ausgelost und, um ausgleichende Bedingungen zu schaffen, von Lauf zu Lauf nach System gewechselt. Für eine minimale Endzeit ist auch ein schnellkräftiger Start von fest installierten Startvorrichtungen (Startbügel) bedeutsam. Der Sportler hat die Fahrt regelgerecht beendet, wenn er ausschließlich durch Eigenantrieb, ohne das Verlieren von Ausrüstungsgegenständen und im Kontakt mit seinem Schlitten die Ziellichtschranke überquert hat.

Im Bobsport werden die Wettbewerbe hauptsächlich auf den gleichen Bahnen wie im Rodelsport ausgerichtet. Häufig ist jedoch die Anfangsstrecke der Bobbahn separat und länger angelegt. Dies begründet sich unter anderem aus der aufwendigeren Starttechnik im Bobsport. Der Bobschlitten darf durch Anschieben innerhalb einer Anlaufzone (15 m, 2 % Gefälle) von der Mannschaft beschleunigt werden. Die Anschubleistung in der Startphase hat einen wesentlichen Einfluß auf die Gesamtfahrleistung. Deshalb verwundert es nicht, wenn Athleten insbesondere leichtathletischer Schnellkraftdisziplinen erfolgreich zum Bobsport wechseln. Im Bobsport werden zwei Disziplinen (Zweier- und Viererbob) wettkampfmäßig ausschließlich von Männern betrieben. Nach dem Start nehmen die Mannschaftsmitglieder eine sitzende, nach vorn gebeugte Haltung ein. Für die Steuerung des Bobs mittels Lenkseilen an einer beweglichen Vorderachse ist der Pilot verantwortlich. Die Mannschaftsmitglieder unterstützen diesen Vorgang durch rhythmisches Mitbewegen entsprechend der Kurvenfolgen. Das Abbremsen des Bobs nimmt jeweils der letzte Mann im Schlitten nach Durchfahren des Zieles vor. Dazu dient eine spezielle Bremsvorrichtung, die im hinteren Teil des Bobs angebracht ist.

Im nationalen Rahmen bestreiten die Rodel- und Bobsportler ihre Wettkämpfe in folgenden Klassen:

Rodeln

Jugendklasse 1 10 - 12 Jahre

Jugendklasse 2 12 - 14 Jahre

Juniorenklasse 1 15 - 16 Jahre

Juniorenklasse 2 17 - 19 Jahre

Allgemeine Klasse 20 - 29 Jahre

Seniorenklasse 1 30 - 50 Jahre

Seniorenklasse 2 über 50 Jahre

Bob

Juniorenklasse bis 24 Jahre

Allgemeine Klasse über 24 Jahre

Alle Schlittensport-Disziplinen werden sehr maßgeblich vom Stand der Geräteentwicklung und der Sorgsamkeit der Sportler bei der Wartung, Pflege sowie Präparierung ihrer Sportgeräte bestimmt. Spezielle Ausrüstungen (Helm, Rennkleidung, Schuhe, Handschuhe) werden für die Ausübung dieser Sportart benötigt. Sie dienen gleichzeitig dem Schutz des Sportlers bei auftretenden Kollisionen auf der Bahn. Technische Weiterentwicklungen an Sportgeräten und -ausrüstungen oder Präzisierungen, die den Wettkampfablauf betreffen, werden in den internationalen Reglements festgeschrieben. Für den Rodelsport gilt die Internationale Rodelordnung (IRO) der Fédération Internationale de Luge de Course (FIL), für den Bobsport das Internationale Reglement der Fédération Internationale de Bobsleigh et de Tobogganing (FIBT).

Anschrift der Verbände

Deutscher Bob- und Schlittensportverband

Geschäftsstelle:

An der Schießstätte 6

83471 Berchtesgaden

Tel.: 0 86 52/40 96 und 6 12 38

Fax: 0 86 52/6 37 07

Fédération Internationale de

Bobsleigh et de Tobogganing (FIBT)

Geschäftsstelle:

Via Piranesi 44/b

20137 Milano

Italien

Tel.: 0 03 92/7 57 33 19

Fax: 0 03 92/7 38 06 2

Tlx: 31 01 61 FISI I

Fédération Internaionale de Luge

de Course (FIL)

Generalsekretariat: c/o Jan Steler

56, Vallon de Toulouse

13009 Marseille

Frankreich

Tel.: 00 33 91/74 21 50

Fax: 00 33 91/74 09 56

Tlx: 44 15 50 FILST F

Weiterführende Literatur

(siehe auch neue Literaturhinweise im IAT-Literaturservice)

Fritz, H./ Januschkowetz, G.: Rodeln für Anfänger und Fortgeschrittene. München 1978 (Nymphenberger Verlagshandlung).

Polster, H./ Seidel, K.: Trainingsmittel zur Ausbildung gelenkspezifischer Beweglichkeit im Rennschlittensport. Leipzig 1987 (n).


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