1.27.4. Ski alpin
Charakteristik
Die alpinen Skidisziplinen werden aufgrund ihrer Leistungsstruktur den fahrtechnischen Sportarten zugeordnet. Das Beherrschen der Technik ist deshalb für den alpinen Skisportler besonders wichtig. Dominierende Fähigkeiten sind die Kraft (Schnellkraft), das Reaktions- und das Gleichgewichtsvermögen.
Der alpine Skisport gehört zu den schwierigsten Sportarten, da der Wettkämpfer oft extreme Situationen bewältigen muß (steile und vereiste Pisten, wechselnde Geländeformen, Geschwindigkeiten im Grenzbereich).
Alpine Skiwettkämpfe sind dadurch charakterisiert, daß speziell präparierte Strecken (Pisten) in möglichst kurzer Zeit auf Ski zu durchfahren sind. Dabei muß es entsprechend der Wettkampfordnung möglich sein, vom Start bis in das Ziel ohne Stockhilfe zu gleiten. Die Zeitmessung erfolgt in der Regel elektrisch und wird bis auf eine Hundertstelsekunde vorgenommen.
Je nach Disziplin werden die Strecken verschiedenartig angelegt bzw. durch Tore unterschiedlich markiert. Somit werden auch spezifische Anforderungen an den Wettkämpfer gestellt.
Die Strecken für internationale Veranstaltungen, die im FIS- Kalender erscheinen, müssen durch die FIS homologiert sein.
Abfahrtslauf
Beim Abfahrtslauf werden im Vergleich zu den anderen Skidisziplinen die größten Geschwindigkeiten erreicht.
Es dominieren Gleitpassagen und langgezogene Kurven, die in einer aerodynamisch günstigen Körperhaltung (Eiform) durchfahren werden. Bodenkanten zwingen meist zu Geländesprüngen. Schwierige und gefährliche Abschnitte der Abfahrtsstrecke sind entsprechend zu sichern (Mindestbreite 30 m, Abschirmung von Hindernissen mit Schnee, Stroh, Fangnetzen).
Zum Kontrollieren der Geschwindigkeit oder zum Hinweisen auf eine genaue Fahrtrichtung werden Tore gesetzt. Die Strecke darf jedoch keine technischen Slalomfiguren aufweisen.
Beim Abfahrtslauf besteht ein Tor aus vier Slalomstangen, wobei jeweils ein Slalomstangenpaar mit einer Flagge verbunden ist.
Die lichte Torbreite muß mindestens 8 m betragen.
Bei internationalen Veranstaltungen muß die Abfahrtsstrecke folgende Höhenunterschiede aufweisen:
Herren: 800 - 1000 m
Damen: 500 - 700 m
Die Wettkämpfer im Abfahrtslauf sind verpflichtet, Sturzhelme zu tragen.
Slalom (Torlauf)
Der Slalom wird durch eine Vielzahl von Richtungsänderungen mit sehr verschiedenen Radien während der Abfahrt charakterisiert. Die Richtungsänderungen werden durch eine dem Gelände angepaßte Komposition von Einzeltoren und Torkombinationen vorgeschrieben. Die Torfolge muß so angelegt sein, daß der Kurs flüssig durchfahren werden kann. Das bedeutet, daß der Wettkämpfer bei größtmöglicher Geschwindigkeit saubere und präzise Schwünge ausführen kann. Der Slalom soll entsprechend der Wettkampfordnung eine vielseitige skitechnische Prüfung sein, die mit der gewöhnlichen Skitechnik - ohne akrobatische Anforderungen - zu bewältigen ist.
Die Slalomstrecke weist folgende Höhenunterschiede auf:
Herren: 180 - 220 m
Damen: 130 - 180 m
Die Neigung des Slalomhanges liegt zwischen 20 und 30 Grad (33 - 52%). Ein Slalomtor besteht aus zwei Slalomstangen (Kippstangen). Die lichte Torbreite muß zwischen 4 und 6 m liegen. Die Entfernung zwischen zwei aufeinanderfolgenden Toren muß mindestens 0,75 m und darf höchstens 15 m betragen.
Anzahl der Tore:
Herren: 55 - 75 Tore
Damen: 45 - 60 Tore
Riesenslalom (Riesentorlauf)
Der Riesenslalom ordnet sich hinsichtlich seiner Charakteristik zwischen Slalom und Abfahrtslauf ein.
Im Riesenslalom sollen die Tore so in das Terrain eingeordnet werden, daß große, mittlere und kleine Schwünge in sinnvollem Wechsel folgen und daß die Breite des Hanges (mindestens 30 m) weitestgehend ausgenutzt wird.
Laut Wettkampfordnung ist es nicht gestattet, die Tore nur in der Fallinie des Hanges zu setzen.
Die Anzahl der Tore für den Riesenslalom ergibt sich aus dem Wert von 12 -15% der Höhendifferenz in Metern.
Die Strecke weist folgende Höhenunterschiede auf:
Herren: 250 - 400 m
Damen: 250 - 350 m
Die Tore haben eine lichte Breite von 4 - 8 m. Der Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Toren muß mindestens 10 m betragen.
Super-G (Super- Riesenslalom)
Der Super-G ordnet sich hinsichtlich seiner Charakteristik zwischen Riesenslalom und Abfahrtslauf ein.
Die Tore sollen so in das Terrain eingefügt werden, daß große und mittlere Schwünge in sinnvollem Wechsel folgen.
Zwischen den Toren kann der Wettkämpfer, wie auch in den anderen alpinen Skidisziplinen, seine Fahrspur innerhalb der Strecke selbst wählen. Zur Aufwertung des Super-G sollte die Strecke so präpariert sein, daß maximal zwei Sprünge ausgeführt werden müssen.
Die Anzahl der Tore entspricht dem Wert von 10% der Höhendifferenz in Metern. (Mindestanzahl der Tore bei den Herren 35 Tore, bei den Damen 30 Tore)
Die Strecke weist folgende Höhenunterschiede auf:
Herren: 500 - 650 m
Damen: 350 - 500 m
Die lichte Breite eines horizontalen Tores liegt zwischen 6 und 8 m und die eines vertikalen Tores bei 8 - 12 m.
Die Wettkämpfer im Super-G sind verpflichtet, Sturzhelme zu tragen.
Parallelrennen
(keine olympische Disziplin)
Bei Parallelrennen starten zwei oder mehrere Wettkämpfer gleichzeitig auf nebeneinanderliegenden und übereinstimmenden Strecken.
Bei einem Höhenunterschied von 80 - 100 m sind 20 - 30 Tore zu durchfahren. Entscheidend für die Chancengleichheit der Wettkämpfer ist neben der identischen Streckenführung die Startgestaltung. Es ist jede Art Startsystem gestattet, vorausgesetzt, die Gleichzeitigkeit des Starts wird gesichert. In der Praxis haben sich elektrisch gesteuerte Kipptore bewährt, die sich beim Startschuß gleichzeitig öffnen. Parallelrennen sind sehr publikumswirksam.
Geschichte
Grundlage für die Entstehung des alpinen Skilaufs waren die nordischen Skidisziplinen Skilanglauf und Skispringen.
Aus den Halteschwüngen der norwegischen Skispringer entwickelten sich die ersten alpinen Richtungsänderungen - der Telemarkschwung und der Christianiaschwung.
Mathias Zdarsky (1856 - 1940), angeregt durch Fridtjof Nansens Veröffentlichung Auf Schneeschuhen durch Grönland (1891), verbesserte die Skiausrüstung, entwickelte die Stemmbogentechnik und schrieb 1896 das erste Skilehrbuch der Welt Die alpine (Lilienfelder) Skilauftechnik.
Die Weiterentwicklung der Technik erfolgte durch Georg Bilgeri (1873 - 1934) und besonders durch Hannes Schneider (1890 - 1955), der 1922 am Arlberg eine Skischule gründete. Er schuf mit seinem Stemmchristiania die sogenannte Arlbergtechnik.
Um 1934 entwickelte Anton Seelos in Verbindung mit dem alpinen Wettkampfsport die moderne Paralleltechnik mit Rotationsbewegung.
Um 1950 setzte sich von Österreich ausgehend die effektivere und im Rennlauf günstigere Technik mit Gegendrehen der Hüfte durch. Diese Technik findet heute noch Anwendung.
Seit 1931 werden Weltmeisterschaften in den alpinen Skidisziplinen (zunächst nur im Slalom und im Abfahrtslauf) ausgetragen.
1936 wird der alpine Skisport in das Programm der Olympischen Winterspiele aufgenommen.
Erstmals starten auch Damen bei Olympischen Spielen in den Skidisziplinen (Alpine Kombination aus Abfahrtslauf und Slalom).
1946 wird der Riesenslalom, obwohl er vorher schon ausgetragen wurde, von der FIS als alpine Disziplin offiziell anerkannt.
Der erste Super-G wurde 1981 in La Villa (Italien) ausgetragen. Seit 1983 gehört er zum Programm des Weltcups und ab 1987 zum WM-Programm.
Ab 1976 wird der Parallelslalom, allerdings als nichtolympische Disziplin, gefahren.
Wettkampfregeln
Bei allen internationalen Wettkämpfen erfolgt eine elektrische Zeitmessung. Sie beginnt, wenn der Wettkämpfer mit den Unterschenkeln die Startlinie (Schranke) kreuzt und endet, wenn die Ziellinie mit irgendeinem Körperteil oder Ausrüstungsgegenstand passiert wird.
Die Startreihenfolge wird bei allen alpinen Wettkämpfen aufgrund der FIS- Punkte ermittelt.
Es erfolgt eine Gruppeneinteilung.
Die Startreihenfolge in der ersten Gruppe (15 beste Starter) wird ausgelost. Alle weiteren Wettkämpfer starten in der Reihenfolge ihrer FIS- Punkte.
Wettkämpfer ohne FIS- Punkte werden in einer letzten Gruppe ausgelost.
Im Slalom und Riesenslalom werden zwei Läufe ausgetragen. Die Startreihenfolge für den zweiten Lauf ergibt sich aus der Ergebnisliste des ersten Durchganges. Die ersten 15 Wettkämpfer starten in umgekehrter Reihenfolge. Ab Platz 16 wird gemäß der Rangfolge des ersten Laufs gestartet.
Für die Plazierung der Wettkämpfer werden die Zeiten beider Läufe addiert.
Ein Tor gilt dann als korrekt durchfahren, wenn beide Skispitzen und beide Füße des Wettkämpfers die Torlinie überfahren haben.
Verliert ein Starter einen Ski (außer durch Einfädeln an der Torstange), müssen die Spitze des verbliebenen Ski und beide Füße die Torlinie passiert haben.
Die Torstangen (Kippstangen) können mit den Händen bzw. mit den Unterschenkeln weggeschlagen werden.
Zur Kontrolle einer korrekten Tordurchfahrt werden Torrichter eingesetzt.
Zur Technik im alpinen Skisport
Die Technik ist ein dominierender Faktor in der Leistungsstruktur der alpinen Skidisziplinen.
Die Vielfältigkeit der Bewegungsaufgaben zwingt jedoch zu einer Generalisierung bzw. Systematisierung.
Die wichtigste Aufgabe besteht zweifelsohne darin, kontrolliert-gesteuerte Richtungsänderungen während der Abfahrt vorzunehmen, d.h. den Schwung einzuleiten, zu steuern und zu beenden. Diese Aufgabe ist nur realisierbar, wenn die Ski gedreht und gekantet werden.
Beide Funktionen erzeugen Führungskräfte, die die Ski zur Richtungsänderung bringen.
Alle grundsätzlichen Möglichkeiten für Richtungsänderungen lassen sich auf folgende Prinzipien zurückführen:
1. Schwingen durch Umsteigen
2. Parallelschwingen
3. Hochschwingen
4. Tiefschwingen
5. Schwingen mit Gegendrehen (Beinedrehen)
6. Schwingen mit Rotation
Eine weiterführende und genauere Charakteristik der Richtungsänderungen wird durch die Einteilung in Schwungtypen und Schwungvarianten erreicht.
Literatur
(siehe auch neue Literaturhinweise im IAT-Literaturservice)
Deutsche Skischule, Skilehrplan, Band 1 - 3, Deutscher Verband für das Skilehrwesen,BLV Verlagsgesellschaft, München 1986.
Lang, S. und Lang, P.: World - Cup, Ski- Faszination seit 1967. Verlag J. Berg, München 1986.
Deutsche Wettkampfordnung für Ski (DWO), Deutscher Skiverband, München 1988.
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