1.12. Gerätturnen

Grundidee, Bedeutung, soziale Werte

Gerätturnen ist im weitesten Sinne eine Sammelbezeichnung für sportliches Üben an Sportgeräten und nimmt als eine Grundsportart einen wichtigen Platz in der Körper- und Leibeserziehung sowie im Breitensport ein. Die verschiedenen Anforderungen an Kraft, Beweglichkeit und Gewandtheit, die sich nahezu ideal miteinander verbinden lassen, eignen sich sehr gut, Bewegungserfahrungen, - koordination, Körperbeherrschung und auch Willenseigenschaften herauszubilden.

Das breitgefächerte Bewegungsrepertoire an den Turngeräten bietet Betätigungsfelder, die vom Gesundheitsturnen über das Spiel-, Hindernis- und formgebundene Turnen bis hin zum Kunstturnen als Spitzensport reichen.

Charakteristisch für das Kunstturnen als stilisiertes, auf artistische sowie ästhetische Höchstleistung ausgerichtetes Gerätturnen ist das Erlernen immmer neuer und schwierigerer Übungsteile für Pflicht- und Kürkombinationen an den Wettkampfgeräten.

Geschichte, Ursprung, Verbreitung

Die Anfänge des Turnens reichen bis ungefähr 200 v. Chr. zurück. Zu den ältesten überlieferten Turnübungen aus dieser Zeit zählt der „Königssprung“ des Teutonenkönigs Teutobod über 6 nebeneinanderstehende Ponys.

Bereits 375 wird über den Gebrauch hölzener Pferde für die Körperertüchtigung im römischen Heer berichtet. Das erste Turnfachbuch gab Tuccaro1) 1599 heraus. Das Turnen als organisierter Sport hat seinen Ursprung jedoch zu Beginn des 19. Jh. und ist eng mit dem Schaffen von C.F. Guts-Muths, F.L. Jahn, A. Spieß, G. Vieth, E.Eiselen u.a. verbunden. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. entwickelte sich mit den großen Turnfesten das Geräteturnen zu einer Wettkampfsportart.

Bei den I. Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen bestritten die Turner, neben leichtathletischen Disziplinen, Wettberwerbe an den Geräten Reck, Barren, Pauschen- oder Seitpferd, Sprungpferd und Ringe. Olympische Premiere der Turnerinnen war 1928, allerdings noch an Männerturngeräten.

Das Bodenturnen wurde erst 1930 WM-Disziplin. Der heute übliche Kunstturnmehrkampf (Sprungpferd, Stufenbarren, Schwebebalken, Boden für Damen bzw. Boden, Pauschen- oder Seitpferd, Ringe, Sprungpferd, Barren, Reck für Herren) wird seit 1936 bei OS und seit 1952 bzw. 1954 bei WM ausgetragen.

Interessenvertreter der deutschen Turnerinnen und Turner in der Bundesrepublik ist der Deutsche Turner-Bund (DTB, 1950 gegründet). Er gehört zu den 93 (Stand 1990) Mitgliedsverbänden der Internationalen Turnföderation (FIG = Fédération International de Gymnastique), die 1881 gegründet wurde und auch als Internationaler Turner-Bund (ITB) bezeichnet wird.

Wettbewerb, Regeln

Wettbewerb

Die Wettbewerbsformen, Wettkampf- und Wertungssysteme im Gerätturnen (Breitensport) und Kunstturnen im Nachwuchsbereich sind in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich und variantenreich. Durch die Festlegung von verschiedenen Alters- und Leistungsklassen bietet sich ein breites Spektrum von Startmöglichkeiten entsprechend dem jeweiligen Leistungsvermögen auf den unterschiedlichsten Ebenen1). Weit verbreitet sind Wahl-, Misch- und Vielseitigkeitswettbewerbe.

Für die nationalen und internationalen Vergleiche der Spitzensportler existieren dagegen abgestimmte Wettkampfsysteme und einheitliche Wertungsbestimmungen.

Der moderne Kunstturnmehrkampf besteht aus Pflicht (für jeden Olympiazyklus neu ausgeschrieben) und/oder Kür. Beide Wettkampfteile werden als Einzel- und als Mannschaftskampf bei OS und WM ausgetragen. Der Weltcup (seit 1975) und die Europameisterschaften (EM) sind nur Kürwettbewerbe mit Einzelwertung. Weitere kontinentale Wettkämpfe sind asiatische und panamerikanische Meisterschaften. Internationale Wettkampfhöhepunkte des Turn-Nachwuchses sind die Junioren-EM und die Junioren-Mannschafts-EM.

Regeln

Die Bewertung der Übungen erfolgt auf Grundlage der Wertungsvorschriften, die jeder nationale Verband für den Breitensport herausgibt. Bei internationalen Kunstturnwettkämpfen sind die Internationalen Wertungsbestimmungen bindend, die nach jedem Olympiazyklus vom Technischen Komitee der FIG überarbeitet werden. Bewertungskriterien sind Schwierigkeit (Wertteile), Kombination (Aufbau der Übung), Ausführung (Technik, Haltung) und die Erfüllung zusätzlicher Anforderungen (Risiko, Originalität und Virtuosität). Im Kürkatalog der Internationalen Wertungsbestimmungen sind alle Elemente folgenden Schwierigkeitsstufen zugeordnet:

A-Teile mit 0.2, B-Teile mit 0.4, C-Teile mit 0.6 und seit 1984 D-Teile mit 0.8 Punkten Wertigkeit. Der Höchstwert für eine Übung beträgt 10.00, für Pferdsprünge zwischen 7.00 (einfache A-Sprünge) und 10.00 Punkte (höchstschwierige D-Sprünge). Bei bedeutenden Wettkämpfen bewerten 4 Kampfrichter bzw. 6 Kampfrichterinnen unter Leitung des Oberkampfrichters2) die Leistung der Aktiven.

Der Oberkampfrichter wird durch einen wissenschaftlichen Assistenten (Herrenwettkampf) bzw. eine wissenschaftlich-technische Mitarbeiterin (Damenwettkampf) bei der Feststellung des Ausgangswertes für den materiellen Gehalt des Vortrages unterstützt.

Jeder Kampfrichter zeigt einen Punktwert an. Die niedrigste und höchste Note werden gestrichen, von den übrigbleibenden wird der Mittelwert berechnet. Nur bei unzulässig hohen Wertungsdifferenzen wird das Urteil des Oberkampfrichters berücksichtigt (Anwendung des Basiswertes). Abzüge gibt es für kleine, mittlere und große Haltungs-, Kombinations- und Technikfehler auf Zehntel bzw. Fünfhundertstel genau. Für regelwidriges Verhalten von Sportlern und/oder Trainern sind ebenfalls Punktabzüge vorgesehen. Die aus anderen Sportarten bekannte gelbe (Verwarnung) und rote (Ausschluß) Karte ist beim Turnen jedoch „nur“ zur Bestrafung von unkorrekt wertenden Kampfrichtern vorgesehen.

Technik

Die Bewegungsmöglichkeiten an den Geräten scheinen nahezu unbegrenzt zu sein. Mit jedem Wettkampfhöhepunkt vergrößert sich die Zahl der ausführbaren Elemente. Versuche, die Turnelemente nach unterschiedlichen Aspekten zu ordnen, reichen bis Jahn3) und Guts-Muths4) zurück und sind bis heute aktuell geblieben.

Man unterteilt allgemein in Schwung- und Kraftelemente. Es gibt dynamische (Senken, Heben) und statische (2 Sekunden Haltezeit) Kraftteile. Sportwissenschaftler der einstigen DDR schufen in den sechziger Jahren eine gerätübergreifende strukturelle Systematik der schwunghaften Elemente, die allderdings nur sehr allgemein ausführungstechnische und lehrmethodische Ableitungen zuläßt. Der Bewegungsablauf der meisten Elemente ist jedoch so komplex, daß sie mehreren der aufgeführten Strukturgruppen zugeordnet werden müssen:

- Rollen,

- Sprünge,

- Überschläge,

- Auf- und Umschwünge,

- Kippen,

- Felgen,

- Stemmen und

- Beinschwünge.

Die Komplexität spiegelt sich in der Elementbenennung wider, die im deutschsprachigen Raum zunehmend populärer wurde (z.B. Handstütz-Überschlag, Kippaufschwung).

Literatur

(siehe auch neue Literaturhinweise im IAT-Literaturservice)

Autorenkollektiv: Terminologie Gerätturnen. Berlin 1982 (Sportverlag).

Gaverdovskij, J.-K.: Gimnasticesko i mnogobore. Moskva 1986/1987 (Fizkultura i sport).

Kanek,A.: Was bedeutet Systematik der Turnkunst? In: Der Vorturner Frankfurt/M. (1966)10, S.187-188.

Pahnke, W.: Gerätturnen einst und jetzt. Berlin 1983.

Uteran, M.L.: Gerätturnen. Berlin 1971 (Sportverlag).

Wiemann, K.: Probleme der Einordnung von Geräteübungen in Bewegungsverwandtschaften. In: Praxis der Leibesübungen Frankfurt/M. (1962)12.

Zeume, H.-J.: Flick-Flack. Berlin 1987.


Copyright © 1996 by Peter Casper, VWM Verlag GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Die Texte und Grafiken aus dem Kompendium sind urheberrechtlich geschützt und werden für einen begrenzten Zeitraum nur zur Ansicht zur Verfügung gestellt. Speichern, Ausdrucken, Kopieren oder Verbreiten der Texte ist ausdrücklich untersagt.